gradraus

Die Kuh ist nicht das Klima-Problem –
auf die Form der Tierhaltung kommt es an

Agrarwirtschaft und Verbraucher müssen sich ändern

Von links: Gertraud Gafus, Dr. Anita Idel und Dr. Lucia Jochner-Freitag. Foto: Alois Albrecht

Teisendorf.  Bei Klimaschützern hat die Kuh einen schlechten Ruf. Ein zu großer Beitrag zum Klimakiller Methangas wird ihr zugeschrieben. Dass Rinder und alle Wiederkäuer Methangas emittieren bestreitet auch Dr. Anita Idel nicht, aber sie sieht das ein wenig differenzierter. Zu einseitig sei der Blick auf das von Rindern kommende Methan, meint sie. Der Beitrag der Tiere zum Klimawandel sollte ganzheitlich betrachtet werden, statt wie in Reklamen, in denen die Kuh als so klimafeindlich wie ein 200 PS Auto, oder zumindest ein Kleinwagen dargestellt wird. Ihre These, dass das völlig an der Wahrheit vorbeigeht legte die Mitautorin des Weltagrarberichts und Autorin des Buches „Die Kuh ist kein Klimakiller“ neulich in Teisendorf dar.

Auf Einladung der AbL (Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft), der Biosphärenregion BGL und unterstützt durch das Agrarbündnis BGL / TS, war Dr. Idel in die Alte Post gekommen um dort ein Referat zu halten und anschließend Rede und Antwort zu stehen für ihre Thesen. Die Regional-Sprecherin der AbL und stellvertretende Bundesvorsitzende, Gertraud Gafus und Dr. Lucia Jochner-Freitag vom UNESCO Biosphärenreservat Berchtesgaden begrüßten Dr. Idel im gut besetzten Saal der Alten Post, wo sie auch den Leiter des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Traunstein (AELF), Alfons Leitenbacher, Josef Schmalzbauer vom Fachzentrum für Rinderhaltung am AELF Traunstein, Prof. Dr.Bernhard Zimmer, Kreisvorsitzender und Bundestagskandidat der Grünen und Simon Angerpointner, den Bienenfachwart des BGL, sowie Dr. Josef Heringer, den früheren Gesamtleiter der Ausbildung an der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege begrüßen konnten.

Falsche Methoden der Viehhaltung

Dr. Idel sagte, der Weltagrarbericht, an dem sie selbst mitgearbeitet hat, habe ihre Meinung gefestigt, dass Wiederkäuer bei weitem nicht so schädlich für das Klima sind, als ihnen gemeinhin unterstellt wird. Menschen, die Wiederkäuer als Klimaschädlinge bezeichnen, betrachteten nämlich nicht das Gesamtbild, sondern nur einen kleinen Ausschnitt. Es sei unbestreitbar, dass Kühe und dergleichen Tiere Methan emittieren, auf der anderen Seite der Gleichung müsse aber auch erkannt werden, dass das Grasland, das sie durch ihr Grasen „bewirtschaften“ CO2 in großen Mengen bindet und sie außerdem dadurch helfen, Humus, fruchtbare Schwarzerde, zu bilden. Die Probleme werden also durch unsere falschen Methoden Landwirtschaft zu betreiben erzeugt, nicht durch die Rinder. Wir verbrauchen durch übermäßigen Ackerbau Humus und laugen die Böden aus, ohne ihnen Chancen zur Regenerierung zu geben. Für diese Regenerierung seien Weidetiere aber immens wichtig, sagte Dr. Idel, denn durch ihr Weiden und den natürlichen Dünger, den sie hinterlassen, werde das Gras stimuliert zu wachsen und aus den Wurzeln bilde sich Humus. Eine Tonne Humus entziehe der Atmosphäre 1,8 Tonnen CO2, sagte Idel.

Auf die Erhaltung des Bodens ist zu achten

Durch übermäßigen Ackerbau würden Boden und Humus dagegen ausgelaugt und verringert. Als Beispiel dafür nannte Dr. Idel die Situation in Nord-Amerika. Dort hätten auf der Prärie bis vor etwa 150 Jahren Millionen von Bisons geweidet und der Boden sei sehr fruchtbar gewesen. Dann hätten die Weißen die Büffel bis auf wenige dezimiert und angefangen Ackerbau zu betreiben. Jetzt sei der Boden fast überall ausgelaugt und seine Fruchtbarkeit werde nur noch durch Kunstdünger und Wasser, von weit her geschafft, aufrecht erhalten. Es sei nicht auf die Erhaltung des Bodens geschaut worden und deshalb wurde auch nicht bemerkt, dass durch den Ackerbau pro Jahr und Hektar 13 Tonnen Humus verloren gegangen seien.

Rinder werden auch mit Getreide gefüttert, zum Nachteil von Kleinbauern weltweit und Umwelt

Der Ackerbau und die dadurch bedingte Abnahme von Grasland haben aber auch noch andere Effekte. Weil Rinder generell nicht mehr auf Weiden gehalten und stattdessen mit Getreide gefüttert würden, seien sie zu Konkurrenten des Menschen beim Getreidegebrauch geworden, sagte Dr. Idel. „Bildlich gesehen stehen Rinder jetzt nicht mehr auf der Weide, sondern auf dem Acker.“ In der EU würden nur noch 47 % des Getreides zu Lebensmitteln verarbeitet, 35 % würden als Tierfutter und knapp 18 % für Treib- und andere industrielle Stoffe verwendet. Dies führe auch in anderen Teilen der Welt zu Verwerfungen, denn 70 % der in der EU verfütterten Proteine werden importiert. In Argentinien, Brasilien und Paraguay bringe das massive Änderungen, vor allem zum Nachteil von Kleinbauern und der Umwelt.

Geplantes Freihandelsabkommen EU und USA begünstigt Import von gentechnisch veränderten Futtermitteln

Dr. Idel sagte auch das geplante Freihandels Abkommen zwischen der EU und den USA werde durch den Import von gentechnisch veränderten Futtermitteln und Patentansprüchen Verschlechterungen, vor allem für Europäer bringen.
In ihrem Vortrag bemängelte Dr. Idel auch die Berechnungen über den hohen Wasserverbrauch von Rindern und Schafen. Die Berechnungsmethoden seien darauf ausgelegt, diesen Tieren, umgerechnet auf das Kilogewicht einen extrem hohen Wasserverbrauch zuzuschreiben, der genau betrachtet gar nicht so hoch sei. Dr. Idel sagte, dass bei Rindern und Schafen auf  Weiden die Gesamtmenge des Wassers nicht stark ins Gewicht fällt, , das auf die Weide fällt den Tieren zugerechnet, diese würden aber natürlich nur einen kleinen Teil dieses Wassers wirklich verbrauchen.

Unangemessener Fleischkonsumanstieg ist nicht hinnehmbar

Außer Frage stehe allerdings auch, dass der Fleischkonsum fast überall auf der Welt unangemessen gestiegen sei. In den letzten 50 Jahren habe sich die Anzahl von Rindern und Büffeln weltweit verdoppelt. Der Fleischkonsum müsse sich ändern und Menschen sollten dabei mehr auf die Qualität als auf die Menge bedacht sein, meinte Dr. Idel. Jedenfalls könnten wir nicht so weitermachen wie bisher, „denn wir könnten auch anders und werden anders müssen“. In der Tiermedizin sei lange gedacht worden, die an die Tiere verabreichte Medizin würde sich schnell abbauen und keine weiteren Effekte haben. Ein Trugschluss wie sich herausstellen sollte. Das ewige „Wachsen oder Weichen“, das vom Bauernverband und Teilen der Politik propagiert werde sei kontraproduktiv, meinte Dr. Idel. Statt fortwährend die Produktion maximieren zu wollen, sollte diese in einer für Mensch, Tier und Umwelt verträglichen Weise optimiert werden. In diese Richtung ziele auch der Weltagrarbericht, der ganz klar feststellt; „Ein weiter wie bisher ist keine Option“, sagte Dr. Idel abschließend.

Es muss sich was ändern zugunsten einer Umwelt verträglichen Einstellung von Verbrauchern und  Landwirtschaft

In der Diskussionsrunde meinte Dr. Heringer, die Landwirtschaft solle ein integriertes und ganzheitliches „Agroforstsystem“ anstreben. Dr. Idel antwortete dies sei zweifelsohne ein ideales System und es müsse in diese Richtung entwickelt werden. Alfons Leitenbacher, der Leiter des AELF Traunstein, sagte der Verbraucher müsse „mündig werden“, die richtigen Lebensmittel wählen und dadurch Druck auf das System aufbauen. Simon Angerpointner meinte durch Grünland und Blumenwiesen würde nicht nur Humus gebildet, sondern auch wichtige Verdauungsstoffe, die Bienen und Rindern zugute kämen. Um einen Umschwung zu erreichen meinte Angerpointner weiter, müssten sich nicht nur die Verbraucher ändern, sondern Alle, auch Handel, Politik und Bauern. Die Politik sei in erster Linie gefordert, knicke aber gegenüber Lobbyisten immer wieder ein. Ein weiterer Besucher meinte die Theorie, die Bauern in Landwirtschaftschulen gelehrt werde, ginge nicht zusammen mit ihrer täglichen Praxis. Er meinte auch, der Wissenschaft sei bewusst, dass vieles falsch laufe, sie werde aber von Interessengruppen und der Politik in die falsche Richtung gelenkt. Georg Planthaler von der AbL und Zivilcourage meinte „Wir brauchen Bündnisse um die Dinge zu ändern“ und ein weiterer Besucher sagte die Bauern seien zu abhängig von Subventionen und deshalb oft nur widerwillig bereit sich für Änderungen einzusetzen. Dr. Idel meinte sie könne auch nicht verstehen, warum Bauern nicht viel lauter zumindest eine gerechtere Verteilung der Subventionen forderten, jedenfalls gebe es Lichtblicke, denn jetzt würden sich viele Organisationen verbünden und dadurch könnten Fortschritte gemacht werden.

Alois Albrecht

Autor:
Datum: Freitag, 22. März 2013 8:07
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: ! Aktuell !, Bürgerinitiativen, Gentechnik, Klima, Landwirtschaft, Teisendorf, Wirtschaft

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren.
Pingen ist momentan nicht möglich.

Ein Kommentar

  1. 1

    Ein informativer Artikel – Hier wird einiges klargestellt und auch gutes Hintergrundwissen vermittelt. Vielen Dank dafür.

Kommentar abgeben


Ihr Kommentar:

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessern. Durch Ihren Besuch stimmen Sie dem zu.