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Geld wieder zum Diener machen und in der Region ausgeben
Die Euro-Krise ist noch nicht vorbei

Attac-Sprecherin Agnes Thanbichler bedankt sich bei Franz Galler. Foto: Hannes Höfer

Kirchstein. „Die Krise ist noch nicht vorbei“, meint Franz Galler, „vielleicht ist sie noch gar nicht da.“ Galler war bis vor kurzem Finanzberater; er weiß, wovon er spricht. Seit über zehn Jahren ist der Ainringer auf der Suche nach neuen Wegen in eine bessere Zukunft, ein Wirtschaften ohne Wachstumszwang in gelebter Solidarität. Attac-Rupertiwinkel und Katholisches Bildungswerk hatten ihn nach Kirchstein eingeladen zum dritten Abend in der Diskussionsreihe „Der Bürger und der Euro in der Krise“. Die Frage diesmal: „Was kann der Einzelne tun?“
„Sitzen wir bloß da wie das Kaninchen vor der Schlage?“, fragt die Laufener Stadt- und Kreisrätin Agnes Thanbichler. Das Wichtigste scheint momentan zu sein, dass das Volk ruhig bleibe, sinniert Moderator Ulrich Kühn und zitiert die Kanzlerin: „Die Spareinlagen sind sicher.“ Zu Gelassenheit bestehe allerdings kein Anlass, meint Franz Galler, denn die Gründe für die Krise seien systemimmanent. Ein Zins- und Zinses-System bei dem 97 Prozent aller weltweiten Finanztransaktionen reine Spekulation seien und kein Warenwert dahinter stehe – verweist Galler auf Untersuchungen aus dem Jahr 2007 – ein solches System müsse kollabieren. Davon ist er ebenso überzeugt wie Manfred Max-Neef, Träger des Alternativen Nobelpreises.
„Ich habe drei Kinder“, erzählt Galler, „ich kann da nicht mehr zuschauen“. Vor genau zehn Jahren hat er den Verein STAR e.V. gegründet, 2007 die Sozialgenossenschaft RegioStar. Der sogenannte Sterntaler, eine Regionalwährung wie der Chiemgauer, startete 2004, seit 2009 gibt es die Gartenprojekte „Perma-Kultur“ und „Sonnengarten“.

Franz Galler: „Die Region schützen für die nächsten Generationen“, möchte Franz Galler. Foto: Hannes Höfer

Galler nennt zwei große Vorbilder: Friedrich Wilhelm Raiffeisen mit seiner Genossenschaftsidee und den Oberndorfer Philosophen Leopold Kohr und dessen Lehre vom rechten Maß. In deren kleinräumigen Ansatz sieht Galler eine Lösung der Probleme.
Und in einem anderen Finanzsystem, wo Geld nicht gleichzeitig Tausch- und Hortungsmittel sei. Im Gegenteil: Geld solle ausgegeben werden, solle fließen. Ausgegeben werde es deshalb, weil es sonst im Wert langsam sinke.
Dabei ist die Idee des „Schwundgeldes“ nicht neu. In den Jahren 1932/33 sorgte das „Wunder von Wörgl“ weltweit für Schlagzeilen, dort für weniger Arbeitslose und für Mehreinnahmen der Gemeinde. Als die Zahl der Nachahmer zu groß wurde, unterband die österreichische Zentralbank das Experiment, das nun der Sterntaler in ähnlicher Form wieder aufgreift.
Galler will einen „Mega-Trend“ erkannt haben, dass nämlich die Leute wissen wollen, was ihr Geld mache, dass laut einer Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung 90 Prozent der Bundesbürger sich ein anderes, ein neues Wirtschaften wünschten.
Galler nennt weitere Positiv-Beispiele: etwa die Schweizer „Wir-Bank“ und das japanische Vorsorge-Ticket-System. Dem Ainringer schwebt eine „Stundenbank“ vor. Die Währung: Zeit. „Ein solches System braucht kein Wachstum“, betont Galler, der sich dafür eine „virtuelles Dorf“ wünscht, nicht größer als 150 „Mitbürger“, wenn es mehr werden, brauchte es ein „neues Dorf“.
Kirchsteins Pfarrer Siegfried Fleiner berichtet wie zuvor der Kabarettist Georg Schramm in einem Video-Beitrag, von einem biodynamischen Gärtner, der sich Kredite von Freunden geben lässt, dafür aber keine Zinsen zahlt, sondern stattdessen Gemüse zurückgibt. Hans Drexler aus Petting ist bei solchen Lösungen skeptisch, er glaubt nicht, dass das Gros der Verbraucher bereit sei, mehr Geld für Lebensmittel zu bezahlen. „Nahrungsmittel müssen deshalb billig sein, um Geld für anderes, nicht zuletzt für Wegwerf-Produkte zu haben“, kritisiert Ulrich Kühn.
Hans Birkner scheinen die regionalen Möglichkeiten begrenzt, beschränkten sich Produkte aus der Region doch in erster Linie auf Lebensmittel. Hier widerspricht Pfarrer Fleiner und plädiert dafür, auch Sport- und Elektroartikel in heimischen Geschäften zu kaufen und somit Arbeitsplätze zu sichern. Sven Schnoor mahnt, auch an andere zu denken; fairer Handel komme Kleinbauern in aller Welt zugute und schaffe stabile politische Verhältnisse.
„Die weitverbreitete Meinung, man könne nichts tun, stimmt nicht“, sagt Franz Galler. Er selbst kommt viel rum, ist gefragter Referent zum Thema Finanzen. „Es tut sich unheimlich viel“, weiß Galler, „ob in Südtirol oder Luxemburg, in Franken und anderswo.“ – „Es geht in dieser Krise nicht nur um Geld“, erinnert Agnes Thanbichler am Ende des Abends, „es geht um Gemeinsinn und es geht um unseren Lebensstil.“

In der Bayerischen Verfassung steht es:  Kapitalbildung ist nicht Selbstzweck

 Franz Galler verwies in seinem Referat darauf, dass vieles, was heute in der Wirtschaftswelt passiert und von den Verantwortlichen der Politik, wenn nicht befördert, so zumindest geduldet wird, der Bayerischen Verfassung widerspreche. Seine Beispiele:

In Artikel 151 heißt es: „Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl … und der allmählichen Erhöhung der Lebenshaltung aller Volksschichten.“
Artikel 153 : „Die selbständigen Kleinbetriebe und Mittelstandsbetriebe in Landwirtschaft, Handwerk, Handel, Gewerbe und Industrie sind in der Gesetzgebung und Verwaltung zu fördern und gegen Überlastung und Aufsaugung zu schützen“.

Neben dem Kartell- und Konzernverbot in Artikel 156 ist für Galler schließlich Artikel 157 von größter Bedeutung: 1. „Kapitalbildung ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel zur Entfaltung der Volkswirtschaft.“ 2. „Das Geld- und Kreditwesen dient der Werteschaffung und der Befriedigung der Bedürfnisse aller Bewohner“.

Hannes Höfer

ANMERKUNG der Redaktion: Bayerische Verfassung wirklich ernt nehmen>>>

Autor:
Datum: Donnerstag, 8. November 2012 0:03
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