gradraus

SÜDOSTBAYERN MANIFEST
Konzepte für eine zukünftige Mobilität am Boden

Immer mehr Fläche wird für immer mehr Verkehr verbaut. Wie lange noch? (c) gradraus

Landkreis Traunstein. „Immer mehr Verkehr, Lärm, Stress, Abgase, Feinstäube und Verschlechterung der Luftqualität“: Das alles bringt die aktuelle Verkehrspolitik mit sich, auf Bundesebene ebenso wie in der Region – dessen sind sich die engagierten Bürger in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land sicher. Der Umweltschutzverband Alztal und Umgebung, das Netzwerk Bürgerallianz Grenzenlos und das Bundesnetzwerk Verkehr mit Sinn – ein Netzwerk aus 120.000 Personen – erhoffen sich mit ihrem „Südostbayern Manifest“ eine Verkehrswende anzustoßen, wie man Mobilität in der Region verbessern kann, ohne nur immer noch mehr und noch größere Straßen zu bauen. Initiert wurde das „Südostbayern Manifest“ von UVA-Vorsitzender Gisa Pauli und Netzwerksprecher-Sprecher Ulrich Kühn aus Waging.

Mobilität mit weniger Verkehr

Zukunftsfähige Mobilität: Um die geht es in dem nagelneuen, 24 Seiten umfassenden Konzept. Dazu wurde im Vorfeld erprobte Modelle aus dem deutschsprachigen Raum über einen Zeitraum von mehreren Monaten recherchiert. Nach jahrelangem Engagement für umweltfreundliche Verkehrspolitik mit mehr Lebensqualität und gegen ihrer Meinung nach überzogenen Verkehrsplanungen ist eine gewaltige Fülle an Ideen zusammengetragen worden, wie zukünftig mehr Mobilität durch weniger Verkehr aussehen könnte.
Dazu gehört den ausführlichen Erläuterungen und Aufzählungen des Konzepts zufolge, dass Fußgänger und Radler in alle Verkehrsüberlegungen maßgeblich mit einbezogen werden und dass der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) auf der Straße wie auf der Schiene gefördert wird. Dabei sollten Bahn und Bus häufiger fahren, die Fahrpläne sollten ortsbezogen und leicht durchschaubar sein, an den Haltestellen sollte es Auskunftsmöglichkeiten geben.
Ein ganz wichtiges Stichwort dabei ist die „Vertaktung“. Dafür müsste es einen attraktiven Verkehrsverbund geben. Bisher sei es aber eher so, dass schlechte Anschlüsse, unzureichende Verbindungen, unbequeme Fahrzeuge, hohe Preise „den ÖPNV im Landkreis alt aussehen lassen“. Als Beispiel dafür wird nicht zuletzt die Bahn von Garching, Trostberg und Traunreut nach Traunstein angeführt, wo Bus und Bahn parallel fahren. Die vorhandenen öffentlichen Verkehrsmittel aber sollten sich, so die Verfasser des Papiers, sinnvoll ergänzen, sie sollen miteinander verbunden werden und zu festen Zeiten verkehren.

Alternative zum motorisierten Individualverkehr ist der Ausbau des ÖPNV

Dazu wird weiterhin vorgeschlagen, dass auch die privaten Busunternehmen, die zumeist zu Schülertransporten unterwegs sind, in die Gesamtplanungen mit einbezogen werden. Dies würde ein dichteres Netz ergeben, womöglich auch Busse besser auslasten und damit Kosten sparen. Car-Sharing, Kleinbusse und Taxen sollten, gerade auf dem flachen Land, das ÖPNV-Angebot ergänzen und ausbauen.
Letztendlich aber gehe, wie bei fast allem anderen auch, der Erfolg wesentlich über den Preis. Mit niedrigeren Preisen – vor allem für Pendler und Vielfahrer – und dazu mit übersichtlichen Tarifen, eventuell ergänzt durch kostenlose Schnupperangebote, ließen sich sicherlich mehr Mitfahrer in den ÖPNV-Systemen finden. Ein Beispiel aus Südtirol, das – neben vielen anderen Ideen von anderen – in dem Konzept angeführt wird, belege dies nachhaltig.

In Städteplanung zukünftige Mobilität integrieren

Für eine funktionierende Mobilität ohne noch mehr Verkehr und Umweltbelastung gerade auch auf dem Land müsse, so die Forderung im Konzept, nicht nur in der Verkehrs-, sondern auch in der Städteplanung mächtig umgedacht werden. Ideen dazu: Ausweisung von Gewerbegebieten so bündeln, dass die Zulieferer nicht durch Wohngebiete fahren müssen, Innerorts-Durchfahrten auf 7,5 Tonnen beschränken, Umfahrungen für den Schwerverkehr einrichten, Fußgängerzonen sowie Rad- und Fußwege sinnvoll anlegen und beschildern, Parkplätze gut situiert schaffen und Anbindungen für Fußgänger und Radfahrer anlegen, Geschwindigkeitsbeschränkungen in Wohnvierteln festlegen, Tempo 30 innerorts zur Regel machen, zentrale Plätze für Veranstaltungen und für Ruhezonen ausweisen, weg von den Einkaufszentren auf der grünen Wiese, Einkaufsmöglichkeiten wohnortnah andenken.
Neben diesen städtebaulichen Vorschlägen haben die Verfasser den Konzepts noch zahlreiche kleine, aber effektive Anregungen aufgelistet: in beträchtlicher Menge: entlang der Fußwege für Ruhebänke und WCs sorgen, ein Kinderwegenetz mit Spielgelegenheiten anlegen, Querungshilfen schaffen mit kurzen Wartezeiten, die Gehwege ausreichend breit und gut beleuchtet sowie ausreichend ausgeschildert auslegen, Barrierefreiheit beachten. Und diese praktischen Ideen gehen noch wesentlich mehr ins Detail: Schließfächer für Einkaufstaschen, Gehwägelchen bereit stellen.

Fuß- und Radverkehr rückt in den Vordergrund

Dann gibt es noch eine ganze Reihe von Vorschlägen, um das Radfahren zu fördern und zu erleichtern – durchaus auch aus gesundheitlichen Aspekten. Der Radverkehr werde heute noch, so die Erfahrung der Konzeptverfasser, vielfach eher als Hemmschuh für den Verkehrsfluss gesehen. Dabei sei aber das Fahrrad ein Gewinn für den Ausbau von Mobilität. Um den Radl-Verkehr zu befördern, gibt es unter anderem folgende Anregungen dazu: gefahrlose Überquerung von Straßen ermöglichen, ausreichend geeignete Abstellmöglichkeiten zur Verfügung stellen, Ausleihen von Fahrrädern, insbesondere auch von E-Bikes, organisieren und verstärken, Ladestationen dafür einrichten. Dazu gehörten aber auch die Schulung und die Überwachung der Verkehrssicherheit dieser Räder.
Um ein solches durchdachtes Mobilitätsmanagement bereit zu stellen, sei es notwendig, so wird in dem Konzept behauptet, dass die Bevölkerung mit eingebunden wird, dass Steuerungsgremien gebildet werden, die die Prozesse begleiten und lenken. Außerdem sei es dafür notwendig, sorgfältig und kritisch die Ist-Situation zu beleuchten, um daraus die notwendigen Änderungen und Ergänzungen entwickeln zu können.
Die Ist-Situation ist den Verfassern dieser Studie ja bestens bekannt; nicht umsonst haben sie sich engagiert und zusammengetan, um einiges an dieser Situation positiv zu verändern und zu verbessern. Viel Platz wurde im Südostbayernmanifest für die Schilderung der aktuellen Verkehrssituation verwendet, die mit ständigen Straßen-Neubauten, Verlust von Wohn- und Lebensqualität, Flächenverbrauch, Naturzerstörung, CO2-Ausstoß so nicht mehr auf Dauer hinnehmbar sei. Entschieden wenden sich die Autoren gegen die gebetsmühlenartigen Behauptungen von Politik, insbesondere Verkehrsministerium, aber auch der Wirtschaft, dass die Verkehrswege dringend noch weiter ausgebaut werden müssten.
In der Studie geht man dagegen davon aus, dass der Verkehr letztlich – allein schon aus Kostengründen – eher zurückgehen werde, zumindest der private Autoverkehr. Es sei also durchaus nicht abwegig zu erwarten, dass zumindest in ländlichen Regionen der Verkehr eher zurückgehen werde. Dem Thema Verkehrsvermeidung sollte hohe Priorität eingeräumt werden. Lösungen sollten gesucht und gefunden werden, um die Transportfahrzeuge besser auszulasten, um etwa das Nebeneinander ungezählter Paketdienste zu vermeiden. Der Satz, nach dem Konkurrenz das Geschäft belebe, müsse hier aus Umweltgesichtspunkten neu überdacht werden, heißt es in dem Konzept.

Unser Land hat eine bessere Verkehrspolitik verdient

Große Kritik gibt es in dem Mobilitätskonzept an der „Rückständigkeit des ÖPNV im Landkreis Traunstein“. Was anhand von Liniennetzplänen „hervorragend ausgestaltet“ aussehe, sei in Wirklichkeit eine Täuschung. Viele Fahrten seien etwa nur an Schultagen möglich. So könne etwa eine Fahrt von Fridolfing nach Traunstein (31 Kilometer) bis zu drei Stunden dauern, wenn man auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist.
„Unser Land hat eine bessere Verkehrspolitik verdient“, heißt es am Schluss dieser interessanten Stoffsammlung zum Thema Mobilität. Und um hier einen Anstoß zu setzen, wollen die federführenden Verfasser des Südostbayern-Manifests ihr Papier an Landrat Hermann Steinmaßl und Verkehrsminister Peter Ramsauer persönlich überreichen. Und sie verbinden damit den großen Wunsch, wenigstens einmal mit den führenden Verkehrsförderern in Bund und Landkreis an einem Tisch zu sitzen und miteinander darüber zu diskutieren.

Hier das ganze Manifest in pdf>>>  SÜDOSTBAYERN MANIFEST 1 SÜDOSBAYERN MANIFEST 2

Aus: ÖPNV- Liniennetzplan Landratsamt Traunstein, Fundstelle Internet des LR TS

 

ERGÄNZUNG:
Das Konzept des ÖPNV muss neu entwickelt werden
Auf den ersten Blick erscheint die Übersicht über das Liniennetz des ÖPNV im Landkreis Traunstein hervorragend ausgestaltet. In Wirklichkeit jedoch täuscht es einen wirklichen Verkehrsverbund nur vor. Bei den Fahrplänen und Fahrplanerläuterungen wird es deutlich: Viele Fahrten sind nur an Schultagen möglich, bei manchen Fahrten ist nur ein Aussteigen, nicht aber ein Einsteigen möglich. Die eingesetzten Busse dienen vornehmlich dem Schülertransport und bedienen nur unzureichend den gesamten ÖPNV. Zwei  Beispiele: Will man von Fridolfing in die 31 km entfernte Kreisstadt Traunstein gelangen, dann muss man für diese Strecke (PKW-Fahrzeit 33 Minuten) mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Auskunft der Bundesbahn, die auch die ÖPNV-Busverbindungen integriert hat, zwischen 83 Min. und 207 Min. Fahrzeit aufbringen. An Schultagen stehen zu den entsprechenden Schulzeiten noch private Busse zur Verfügung, die am Morgen die Fahrzeit auf 50 Minuten verkürzen, aber nur zu Schulbeginn und Schulende verkehren. An Samstagen und Sonntagen und in Schulferienzeiten ist eine Fahrmöglichkeit noch eingeschränkter. Kein Wunder, wenn der ÖPNV im Landkreis nur von wenigen Personen genutzt wird.
Beim Schienenpersonennahverkehr sieht es nicht besser aus. Die 2006 eingerichtete Zugverbindung von Traunreut nach

Das Stoppschild beim Andreaskreuz (Österreich) macht dem Bahnübergang sicherer (analog zur Straße) und ermöglicht der Bahn Geschwindigkeiten,wie auf der Landstraße (c) gradraus

Traunstein war von Anfang an eine Fehlgeburt aus zwei Gründen. Erstens wird die Strecke parallel auch noch vom Busverkehr bedient, das heißt Bahn und Bus kämpfen um dieselben Fahrgäste mit ziemlich gleichen Fahrzeiten und zweitens ist die Bahn, was sie Fahrzeit betrifft nur so schnell, wie vor hundert Jahren: Für eine Strecke von 15 km werden 23 Minuten gebraucht. Das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 39 km/h. Im Vergleich dazu benötigt der PKW nur 18 Minuten und hat damit eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 49 Km/h. Grund für diese lange Fahrzeit der Bahn sind u.a. auch die Drosselung der Bahngeschwindigkeit auf 20 km/h oder weniger bei unbeschrankten Bahnübergängen, was dringend abgeschafft gehört, entweder durch Schließung dieser Bahnübergänge, Beschrankung oder aber der Einführung von Stoppschildern neben dem Andreaskreuz wie in Österreich.
Diese Beispiele werden in der Studie angeführt, um deutlich zu machen dass ein grundlegendes Konzept für den ÖPNV / SPNV von Nöten ist. Dazu müssten Gelder der Gemeinden, des Kreises, des Landes, des Bundes und der EU in die Hand genommen werden, um spätestens bis in zehn Jahren, noch besser früher, ein attraktives und voll funktionierendes System von Bus und Bahn

Ein Jahresticket für Bus, Bahn und Seilbahn in Südtirol mit Mengenrabatt - einfach genial

und auch kleineren Bedieneinheiten zu errichten. Das integrierte Ganzjahres-Ticket in Scheckkartenformat, wie es bereits heute in Südtirol verwendet wird, erlaubt dem Nutzer ohne weiteres Lösen von Fahrscheinen in Bus, Reginal- Bahnen und Bergbahnen einzusteigen. Abgerechnet wird monatlich die zurückgelegte Fahrstrecke. Je mehr man fährt, desto billiger wird der gefahrene Kilometer, bis der Rabatt ganz auf 100 Prozent steigt. Kein Wunder, wenn sich die Fahrgastzahlen im Laufe der Zeit verdoppelt haben.

 

Diesen Beitrag drucken Diesen Beitrag drucken

Autor:
Datum: Freitag, 31. August 2012 1:39
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: ! Aktuell !, A 8 Rosenheim - Salzburg, Bürgerinitiativen, ÖPNV: Öffentl. Personennahverkehr, Umweltbewusstsein, Verkehr

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren.
Pingen ist momentan nicht möglich.

Ein Kommentar

  1. 1

    wer mal in der schweiz unterwegs war, kann dort eine vernünftige verkehrspolitik sehen:
    – kaum lkw auf der straße
    – 5% der schweizer haben eine „bahncard 100“
    – busse und bahnen gehen pünktlich, sind bezahlbar und voll besetzt
    – weniger lärm, abgase und stau
    ich kann einfach nicht glauben, dass die endlose lkw flut für unsere wirtschaft überlebensnotwenig ist

Kommentar abgeben


Ihr Kommentar:

Hier finden Sie kommunalpolitische Nachrichten aus den Landkreis-Gemeinden, Ankündigungen, Tagesordnungspunkte, Berichte von Gemeinderatssitzungen und ähnliches …

weiterlesen >>>

LK TS für Flyout