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Gut, dass es Pestizide gibt!

Die Blauflügelige Ödlandschrecke findet ihre „Heimat“ nur noch in einsamen Bahnhöfen. Foto: gradraus

„Stille Heimat“
Ach, wie ist das doch schön. Wir können die lauen Sommerabende genießen, denn kein Insekt, keine Fliege kreucht und fleucht um uns herum! Nicht einmal um die Straßenlampen entlang am Chiemsee-Uferweg schwirren noch Falter oder sonstiges in unseren Augen „unnötiges Getier“. Gut, dass es Pestizide gibt, die uns das Ungeziefer vom Leib halten.

Wir maßen uns an, alles Leben auf unserem Planeten in Ungeziefer, Nützlinge, Schadinsekten, Unkraut, Kulturpflanzen einzuordnen. Haben wir uns auch selbst eingeordnet? Sind wir für die Erde nützlich? Braucht uns die Natur? Diese und viele solcher Gedanken quälen mich, wenn ich als Jäger die „Stille“ am frühen Morgen in der Natur erlebe. Kaum noch Vögel singen, der Ruf des Kuckucks ist vielen Menschen schon fremd. Wo sind sie geblieben, die Scharen von Schwalben und Mauerseglern?

Sie haben keinen Platz mehr, können nicht mehr leben in unserer so schön aufgeräumten Welt. Die Kommunen mähen schon ab Anfang Mai jeden Straßenrand und Wegstreifen. Am besten wird gleich alles gepflastert, betoniert oder geteert. Wir kümmern uns um jeden Braunbären, Biber, jeden Wolf mit riesigem finanziellem Aufwand mit großem Medieninteresse. Sofort wird eine Wolfsmanagement-Gruppe mit Mitgliedern hinauf bis in den Bundestag gebildet. Wo bleibt dieses Engagement für unsere Insekten? Seit 1990 bis heute ist die Biomasse an Insekten um bis zu 80% zurückgegangen (SZ vom 03.06.2017)! Ist das nicht erschreckend? Wann denken wir endlich um und betrachten Insekten nicht als nervende Schädlinge, sondern als Lebewesen, die sicher ebenso eine Existenzberechtigung auf unserem Planeten haben wie wir selbst. Zumindest bei den Bienen ist ein Umdenken in Sicht.

Wir Menschen haben nicht das Recht zum Beispiel durch die großflächige Ausbringung von Schädlingsbekämpfungsmitteln mittels Hubschrauber nicht nur Stechmücken, sondern auch Zuckmücken, Kriebelmücken usw. unfruchtbar zu machen. Und das nur weil einige wenige Arten uns Menschen stechen. Wir entziehen dadurch den Fischen, Vögeln und Fledermäusen eine wichtige, oft ihre einzige Nahrungsquelle. Welche Natur hinterlassen wir unseren Kindern und Enkelkindern? Wir, die wir von Krieg und Leid verschont geblieben sind, wir konnten immer aus dem Vollen schöpfen. Nun machen wir mehr kaputt als alle Generationen vor uns und hinterlassen unseren Nachkommen eine „Stille Heimat“.

 

Hans Lex, Seebruck

 

Anmerkung der Redaktion: Wir wollten ein aktuelles Bild von Insekten vor unserer Haustüre aufnehmen. Heute hatten wir in den Büschen und Gräsern direkt vor unserem Büro nur wenige hektische Hummeln gefunden, die sich nicht fotografieren lassen wollte. Daher haben wir ein Bild vom letzten Jahr veröffentlicht. Es zeigt die Blauflügelige Ödlandschrecke, die in unserer Region fast ausgestorben ist und nur noch an einigen wenig befahrenen Bahnhöfen vorkommt. Das scheue Insekt lässt sich sehr schwer fotografieren. 

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Datum: Donnerstag, 15. Juni 2017 23:53
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