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Werner Fritz: Indien

Foto: Jerzy / pixelio.de

Der Schriftsteller Werner Fritz, Literaturinteressierten in der Region Traunstein bestens bekannt als Satiriker, passionierter Autofahrer- und Religionskritiker, sinniert über Erscheinungen unserer Zeit. Seine Texte sind geprägt von Kritik und Selbstironie, manchmal fordern sie auch zum Widerspruch heraus. Wie auch immer: Der Autor freut sich auf Kommentare von Lesern.

Indien

Neulich sah ich auf Phoenix einen Bericht über Indien, aus einer der dortigen Großstädte, es könnte Bombay gewesen sein oder Mumbay oder auch Dummbay. Das dortige Kasten-Unwesen wird von der Regierung nicht in Frage gestellt.

Die Ärmsten dort nennt man „Parias“ oder auch Unberührbare. Letzteres deshalb, weil sie für die höheren Kasten die ärgsten Drecksarbeiten verrichten müssen. Das wurde in diesem Bericht sehr deutlich vorgeführt. Die höheren Kasten wohnen in Häusern an der Straße, und auf dieser Seite befinden sich die Plumpsklos. Die Exkremente fallen in einen Schacht, der unten an der Straße offen ist und nur durch einen angelehnten Bretterdeckel verschlossen ist. Die Paria-Frauen kommen da täglich mit Körben, nehmen die Deckel weg, schaufeln die Kacke in ihre Körbe und schaffen den Dreck weg.

Die bedauernswerten Geschöpfe wohnen in slumartigen Vierteln, sie und ihre Familien haben dort in verfallenden Häusern nur einen Raum zum Wohnen, Schlafen, Kochen, zum Essen und zum – jetzt kommt es – zum Kacken! Ein Klo können sie sich nicht leisten, denn für ihre Arbeit bekommen sie von den höheren Kasten einen Lohn im Euro-Cent-Bereich. Stattdessen gibt es im Raum eine Ecke, wo alle unter den Augen aller anderen ihr Geschäft verrichten, und die Frauen schaffen es dann in ihren Körben weg. Die Berichterstatter sprachen auch mit einem etwa dreizehnjährigen Mädchen über diesen Zustand und das Mädchen beklagte sich bitter darüber, wie sehr es sich darüber schämte.

Bilder aus den Straßen dieser Slumstadt zeigten meterhohe Müllhaufen, die einfach irgendwo neben der Straße aufgeschüttet waren. Mitten in der Stadt! Und das Beste kommt noch: die Paria-Frauen schütten die gesammelte Kacke einfach auf diese Müllhaufen! Und wo man auch hinsieht – überall lungern heilige Kühe herum und wühlen in diesen Müllhaufen. Kurzum, Zustände, die man gesehen haben muß, um sie sich vorstellen zu können.

Gleich neben dem Slumviertel erhebt sich die Skyline der Wolkenkratzer, wo die Reichen residieren. Dort am Rande derselben steht das „Einfamilienhaus“ eines Milliardärs. Es besteht aus etwa 25 Stockwerken, die Bauweise läßt moderne Architektur erkennen. Die Wohnfläche dieses Hauses umfaßt 37000 Quadratmeter, dazu 168 Parkplätze sowie drei Hubschrauber-Landeplätze. Das Vermögen des Mannes wird auf 25 bis 30 Milliarden Dollar geschätzt, er wohnt dort mit einer Frau, zwei Kindern und etwa 600 Bediensteten. Das Geld für sein Unternehmen hat er – woher sonst – vom „Kapitalmarkt“ und von vielen Kleinaktionären. Von seinem Wohnsitz aus hat er einen weiten Blick über die Dächer der Slums, den er sicher so genießen wird wie andere einen Ausblick auf die Berge. Aber die Parias interessieren ihn natürlich so viel wie die Dreckhaufen in den Straßen.

Ein Land, in dem solches möglich ist und in dem die Menschen an die Wiedergeburt glauben, besitzt die Atombombe und strebt eine führende Rolle unter den zivilisierten Industrienationen an. Ich habe da so Zweifel.

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Datum: Mittwoch, 12. April 2017 9:59
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