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Braucht unsere Region einen Güterterminal?
Die Frage ist nicht Teisendorf oder Traunstein, sondern ob überhaupt

Region Teisendorf. Foto: René Vinke

Sinn und Nutzen eines großangelegten Güterumschlag-platzes in unserer Region wird von den Befürwortern eifrig herbeigeredet. In Teisendorf beruft man sich dabei auf das Gutachten des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA), das knapp zu Gunsten Teisendorfs aus-gefallen ist. „Alle Untersu-chungen zeigen, dass ein Containerterminal in der Region … Sinn machen würde“, zitiert die Presse heute den Teisen-dorfer CSU-Ortsvorsitzende Gasser. Alle? Diese Aussage entspricht nicht der Wahrheit – wie jeder sehen kann, der die Standortentscheidung des EBA im Wortlaut nachliest. Im Endeffekt wird darin weder der Standort Traunstein noch der Standort Teisendorf als wirklich gut erachtet.

Das Eisenbahn-Bundesamt hat einen Prüfbericht erstellt, in dem es die beiden Planungskonzepte für eine „Umschlaganlage des Kombinierten Verkehrs“ in Traunstein bzw. Teisendorf einer vergleichenden Analyse und abschließenden Bewertung unterzieht. Dabei wurden folgende Kriterien berücksichtigt: zum einen die „Lagegunst“, das heißt, die Beurteilung des Standortes: Sie floss zu 30 Prozent in die Bewertung ein. Zum anderen „baukosten-affine Merkmale“ (40 Prozent) und drittens die Akzeptanz der geplanten Anlage (30 Prozent).

Baukosten sind zu hoch

Die Baukosten für den Standort Traunstein werden in dem Prüfbericht lediglich mit „befriedigend“ beurteilt, für Teisendorf sogar nur mit „ausreichend“. Peinlich: Hinsichtlich des „Umschlagaufkommen“ wird dem Teisendorfer Konzept eine „Überdimensionierung“ bescheinigt, die aus falschen Berechnungen resultiere. Das Bundesamt rückt diese Zahlen erst einmal zurecht.

Die Behörde sieht für einen Güterterminal in Teisendorf keine unbedingte Notwendigkeit

Bei der Beurteilung des Standortes Traunstein wird negativ festgehalten, dass der Terminal sich an einer nicht elektrifizierten Nebenstrecke befindet. Der Standort Teisendorf liegt dagegen vorteilhaft an der Hauptstrecke München – Salzburg. Hier wiederum wird jedoch bemängelt, dass die Lkw, um den Terminal zu erreichen, auf der B304 mehrere teils enge Ortsdurchfahrten passieren müssten. Da nach Angaben des Antragstellers nahezu 100 Prozent des vorhergesagten Umschlagaufkommens aus einem Umkreis von 20 Kilometer stammen, zieht das Eisenbahnbundesamt zudem die Schlussfolgerung: Aufgrund der Nähe zu Salzburg könnte ein Großteil des Aufkommens auch im bereits bestehenden Containerterminal Salzburg umgeschlagen werden. Mit anderen Worten: Ein Güterterminal in Teisendorf ist im Grunde überflüssig.

Akzeptanz lediglich „ausreichend“

Was die „Akzeptanz“ der Anlage betrifft, so wird diese im Fall Traunstein angesichts des positiven Votums von Stadt, Gemeinde Nußdorf, Bayerischem Wirtschaftsministerium sowie zwei verkaufsbereiten Grundstückseigentümern vom EBA zwar als „gut“ beurteilt; da hier jedoch ein konkreter Investor fehlt, sei die Aktzeptanz auf Seiten der Betreiber lediglich „ausreichend“. Zu Teisendorf wird vermerkt, dass es beim Gemeinderatsbeschluss zwar nur vier Gegenstimmen gegeben habe, dass es aber bei den Anwohnern Widerstand gibt und sich eine Interessengemeinschaft gegen die Errichtung des Terminals gebildet hat. Aufgrunddessen beurteilt das EBA auch diese Anlage von der Akzeptanz her lediglich als „ausreichend“.

Den Ausschlag für Teisendorf gibt letztendlich allein der Umstand, dass das Teisendorfer Projekt mit der Kloiber GmbH und der Eurogate-Gruppe zwei potenzielle Investoren aufweisen kann. Nur aus diesem Grund kommt das EBA zu dem Schluss, dass der Standort Teisendorf „knapp“ zu bevorzugen sei. Eine wirklich gute Beurteilung stellt die Behörde weder Traunstein noch Teisendorf aus.

Behördliche Prüfung allein reicht nicht aus

Der Behörde zufolge kann nur einer der beiden Terminals verwirklicht werden; sie ist nach eigenem Bekenntnis darum bemüht, Kannibalismus zu verhindern. Das ist beruhigend (auch wenn in der Region bislang noch nie Kannibalen gesichtet wurden). Doch eine Standortentscheidung allein aufgrund einer „technisch-wirtschaftlichen“ Prüfung einer Bundesbehörde – das ist doch etwas beunruhigend. Um nicht zu sagen, fragwürdig. Denn müsste nicht zunächst einmal die Frage geklärt werden, ob das Ansinnen, einen riesenhaften Güterterminal in die Landschaft zu stellen, über wirtschaftliche Interessen hinaus tatsächlich sinnvoll ist? Ob der geplante Eingriff in die Naturlandschaft und seine Folgewirkungen – ein Schwerlastverkehr, der um der Gewinnmaximierung willen stets wachsen müsste – wirklich erwünscht ist, ob dies in ökologischer Hinsicht sinnvoll, landschaftsästhetisch vertretbar, sozial verträglich ist?

Entscheiden sollten die Bürger

Jenseits aller wirtschaftlichen Interessen wäre also offen zu diskutieren, ob ein solches Großprojekt mit samt seinen Folgen tatsächlich einen Gewinn bedeutet – wohlgemerkt: nicht einen Profit für Investoren, sondern einen Gewinn an Lebensqualität für Menschen, Tiere und Pflanzen, für Umwelt und Natur insgesamt.

Rührt die Idee für den Bau eines Güterterminal von der Teisendorfer Bevölkerung?
Sicher nicht. Wenn auf der Webseite des Teisendorfer Rathauses zu lesen ist: „Anerkannte Wirtschaftsfachleute beurteilen Salzburg mit seinem Umland als eine der stärksten Wachstumsregionen im neuen Europa … Teisendorf [ist] besonders attraktiv für die Ansiedlung von Gewerbebetrieben“, so stammt dies sicher nicht aus dem Mund von „eingeborenen“ Teisendorfern, denen bewusst ist: Das Berchtesgadener Land ist in ganz Deutschland bekannt und beliebt als Alpenregion und ein Landstrich von einzigartiger und unverwechselbarer Schönheit. Wenn Wirtschaftsfachleute dieses Natur- und Kulturerbe leichtfertig ihren Profitinteressen opfern wollen, so verdient das nicht Anerkennung, sondern kritische Rückfragen.

Wurden die Teisendorfer Bürger in die Entscheidung, Pläne für einen Güterterminal zu entwickeln, wenigstens von Anfang an einbezogen?
Nein, im Gegenteil – Investor und Standort wurden vor der Öffentlichkeit lange Zeit geheim gehalten.

Stoßen Vorbehalte, die Bürger gegen den Bau des Terminals äußern, bei den Verantwortlichen auf Verständnis?
Es sieht nicht so aus – ist doch zu hören, dass verkaufsunwilligen Grundstücksbesitzern in Teisendorf die Enteignung droht. In Presseberichten war noch von keinem Verantwortlichen ein Wort der Bereitschaft darüber zu lesen, Argumente und Gegenargumente wohl abzuwägen, um zu einer Konsens-Entscheidung zu kommen.

Schlüsselfrage: Werden die Bürger das letzte Wort haben, wenn es um die endgültige Entscheidung geht, ob ein Terminal gebaut werden soll oder nicht?
Ja – vorausgesetzt, sie melden sich zu Wort, lassen nicht locker und fordern diese Entscheidungsbefugnis selbst ein.

Die Frage ist nicht, ob ein Güterterminal im Landkreis Traunstein oder im Berchtesgadener Land besser wäre, sondern ob ein Güterterminal überhaupt benötigt wird und ob es sinnvoll ist, einen solchen zu errichten. Die Entscheidung darüber sollten Behörden, Bürgermeister und Investoren in jedem Fall hier wie dort den Bürgern überlassen.

Anmerkung: Wenn es Sie interessiert, den elf Seiten umfassenden Prüfbericht des Eisenbahn-Bundesamts selbst zu lesen, können Sie diesen beim EBA in Bonn anfordern, das als Bundesbehörde dem Informationsfreiheitsgesetz unterliegt und zur Herausgabe verpflichtet ist. Sie können sich aber auch direkt an uns wenden: redaktion@gradraus.de

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Datum: Donnerstag, 23. Dezember 2010 12:12
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Ein Kommentar

  1. 1

    Ich finde, dass wir keinen Güterterminal benötigen. Wenn alle Behörden vernünftig agieren würden, dann wäre alles im Reinen.

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