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Werner Fritz: Aus fernen Ländern

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Der Schriftsteller Werner Fritz, Literaturinteressierten in der Region Traunstein bestens bekannt als Satiriker, passionierter Autofahrer- und Religionskritiker, sinniert über Erscheinungen unserer Zeit. Seine Texte sind geprägt von Kritik und Selbstironie, manchmal fordern sie auch zum Widerspruch heraus. Wie auch immer: Der Autor freut sich auf Kommentare von Lesern.

Aus fernen Ländern

Wenn ich fernsehen will, sehe ich erst einmal im Programmheft nach, was ab 20 Uhr denn so geboten wird. Im Ersten ist es meistens der „Tatort“ oder irgendein Quiz, etwa „Der große Quizabend der tausend Strohköpfe“ oder dergleichen. Im Zweiten ein Film von Rosemarie Pilcher, ein Liebesschinken der mittleren Preisklasse. Oder auch Fußball, großer Bericht von der „Tschämpiens Lieg“. Auf Arte oder 3sat könnte etwas Brauchbares zu finden sein, ebenso auf ARD alpha oder Phoenix. Neben Diskussionen und Interviews gibt es da oft auch Berichte aus allen möglichen Ländern der Welt direkt ins Haus geliefert.
Ich kann sie gemütlich auf der Couch sitzend verfolgen und muß nicht selbst dort hinfahren. Ich kann die Eiswüsten der Antarktis bereisen, ohne selbst dort bei minus 50 Grad schlagartig tiefzugefrieren. Ich muß in keinem Flugzeug sitzen, in dem ich viele Stunden nicht rauchen darf. Draußen am Himmel sehe ich sie im Minutentakt ihre Bahn in 10 Kilometern Höhe ziehen und ich beneide ihre Insassen nicht im Geringsten um ihren fliegenden Nichtraucher-Club. Viele der Touristen kehren nach solchen Reisen todkrank wieder heim und werden hier mühsam gesundgepflegt. Bei mir auf der Couch fliegen mir keine Krankheitskeime aus dem Fernseher entgegen.
Ein Bericht aus Afghanistan zeigte ein Dorf mit einer Lehmstraße. Da leben Menschen in schäbigen Lehmhütten ohne Strom und fließendes Wasser. Eine Szene zeigte sie, wie sie beim Essen am Boden hockten und mit den Fingern aßen.
In einer anderen Szene fragte ein Reporter den Vorstand einer vietnamesischen Familie, ob sie noch immer gerne Hundefleisch äßen. Hunde stünden jetzt nicht mehr so oft auf dem Speiseplan, erklärte der mit einem letzten Zahn ausgestattete Alte. Sie verzehrten jetzt mehr Schlangenfleisch. Dann wurde gezeigt, wie sie eine große Kobra schlachteten. Nach dem üppigen Schlangenfraß tranken sie rot gefärbten Reiswein. Sie hatten das frische Kobrablut dort hineingemischt, weil sie es für ein Aphrodisiakum halten.
Die Kumari von Katmandu, der Hauptstadt Nepals, taucht in Fernsehberichten immer wieder auf. Diese Kindgöttin wird jeweils anhand von 30 körperlichen Merkmalen und Ergebnissen eines Horoskops ausgewählt und verläßt den göttlichen Status mit der Menstruation. Das Mädchen wird also als echte Gottheit verehrt, darf aber das Elternhaus nie verlassen. Bei öffentlichen Auftritten darf sie kein Wort sprechen und muß zahllose Pilger segnen, dabei dürfen ihre Füße den Boden nicht berühren, weil dieser als unrein gilt.
In einem anderen Bericht aus einem hinduistischen Land zeigte man einen Pilgerstrom, der einem als Gottheit verehrten Vulkan zustrebte. Dort warfen sie diverse Gaben in den Vulkankrater, unter anderem Lebensmittel und Geld.
Im schon erwähnten Indien wird immer wieder gezeigt, wie die Gläubigen im Ganges baden und dabei auch untertauchen, um sich „reinzuwaschen“. Dies in einer tiefbraunen Kloake, in die Millionen Menschen schon weiter oben hineingekackt, all ihren Müll darin entsorgt haben und in der Tierkadaver aller Art flußabwärts treiben. Sie wundern sich dann darüber, wenn sie krank werden, wo sie doch mit dem Bad ihren Göttern gehuldigt haben.
Nun ja, auch bei uns glauben viele Menschen noch an Götter, beten zu ihnen und gehen womöglich sogar beichten. Das würde mir nie einfallen, denn ich bin absolut sündenfrei. Und falls doch nicht, gehen unseren Herrn Pfarrer meine Sünden jedenfalls rein gar nichts an.

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Datum: Donnerstag, 9. März 2017 16:32
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