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Werner Fritz: Jenseitsglaube

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Der Schriftsteller Werner Fritz, Literaturinteressierten in der Region Traunstein bestens bekannt als Satiriker, passionierter Autofahrer- und Religionskritiker, sinniert über Erscheinungen unserer Zeit. Seine Texte sind geprägt von Kritik und Selbstironie, manchmal fordern sie auch zum Widerspruch heraus. Wie auch immer: Der Autor freut sich auf Kommentare von Lesern.

Jenseitsglaube

Ich finde es erstaunlich, wie viele Menschen noch im 21. Jahrhundert an ein Leben nach dem Tod glauben. Sie halten sich also für göttliche Wesen, denn nur solchen könnte ein ewiges Leben beschieden sein. Aber sie glauben ja, daß Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat und daß sie demnach selbst göttlicher Natur sind. Aber das Wissen unserer Zeit lehrt uns, daß der Mensch nicht erschaffen wurde und schon gar nicht an einem Tag, sondern daß es nach der Entstehung des Planeten Erde rund viereinhalb Milliarden Jahre gedauert hat, bis er fertig war. Und der Mensch ist noch lange nicht fertig, denn sein Verstand funktioniert noch nicht. Wenigstens bei zu vielen.

Selbstverständlich darf jeder glauben, was er will und dies auch öffentlich kundtun, es sei denn, er lebt in einem muslimisch dominierten Land. Dort wird er bei offen bekundeter, nicht konformer Denkweise alsbald ohne Kopf herumlaufen, und ohne diesem ist das Denken doch ziemlich eingeschränkt.

Ich hingegen darf bekennen, daß mich der Jenseitsglaube meiner Zeitgenossen amüsiert. Ein bekannter und allseits hochgeschätzter Politiker, der jetzt, über achtzigjährig, mit seiner Frau in einem Heim lebt, äußerte sich einmal in einem Interview über dieses Thema. Er meinte, er werde nach seinem Tod „vor den Herrn hintreten und Rechenschaft ablegen“. Ich würde ihn gerne fragen, woher er denn so genau wissen will, was uns dort im Jenseits erwartet.

An der Friedhofskapelle unseres Ortes erinnert eine Gedenktafel an drei verstorbene Pfarrer. Unter den Namen mit den technischen Daten heißt es da: Hier ruhen sie und harren der Auferstehung entgegen. Ich betrachte manchmal sinnend diese Tafel und denke mir: Na, da werden sie lange harren.

Vor etlichen Jahren traf ich auf unserem heimischen Friedhof des öfteren auf einen älteren Herrn, dessen Frau gestorben war. Er mußte sie sehr geliebt haben, den fortan verbrachte er die meiste Zeit auf dem Friedhof. Jedem, der ihm begegnete und den es nicht im geringsten interessierte, schwärmte er vor, wie er eines Tages „da oben“ seine geliebte Frau wieder in die Arme schließen werde. Inzwischen ist unser Friedhofgänger längst verstorben und seine Seele befindet sich auf dem Weg ins Paradies. Ich wünsche ihr einen guten Flug und hoffe, daß sie dabei Lichtgeschwindigkeit erreicht, sonst zieht sich die Sache nämlich hin. Wenn sie Pech hat, befindet sich das Paradies auf der Andromeda-Galaxie und dorthin braucht sie bei Lichtgeschwindigkeit zwei Millionen Jahre. Die Seele sollte aufpassen, daß sie nicht in die Nähe eines schwarzen Lochs kommt. Schwarze Löcher lassen nichts entkommen, weder Materie noch Licht, und wer weiß, ob sie nicht auch vorüberfliegende Seelen einfangen.

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Datum: Montag, 20. Februar 2017 19:37
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