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Was tun gegen 5,5 Milliarden Plastiktüten jährlich?

Foto: Hans Eder

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„Eigentlich weiß ja jeder um die Problematik, die der überbordende Gebrauch von Plastik mit sich bringt“, meinte eine Besucherin der Ausstellung „Gemeinsam gegen Plastik“, die noch bis zum 13. November in Traunstein läuft. Aber im Alltag wird das leicht vergessen. Und es ist, wie viele Beispiele in der Ausstellung zeigen, auch nicht immer ganz leicht, Plastik zu vermeiden; aber: Es ist wichtig und es ist möglich.

Vorschläge, Plastik einzusparen gibt es in der Präsentation reichlich, und die Grünen als Veranstalter hoffen, dass gerade auch Schulklassen das Angebot wahrnehmen und sich mit dem Thema befassen: Öffnungszeiten Dienstag bis Freitag 14 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 9 bis 12 Uhr. Schulklassen können sich unter Mail peter.beisser@gruene-fraktion-bayern.de auch für den Vormittag anmelden. 

Das Grundkonzept der Ausstellung stammt vom VerbraucherService Bayern im Katholischen Deutschen Frauenbund (KDFB), der sich zum 60-jährigen Bestehen dieses Thema ausgesucht hat. In Traunstein mit dabei sind zusätzliche Präsentationen von Schülern der Franz-Kohlbrenner-Mittelschule und des Annette-Kolb-Gymnasiums: In ihren Projekten haben die beteiligen Schulklassen zusätzliche Infos und Anregungen zur Plastikvermeidung zusammengetragen. Und auch die Bund-Naturschutz-Kreisgruppe hat sich mit eigenen Informationen eingeklinkt.

Bei der Eröffnung nahmen Vertreter der einzelnen Gruppierungen zu der Thematik Stellung: Landtagsabgeordnete Gisela Sengl und Peter Beisser von der Grünen-Geschäftsstelle, Beate Keller, die stellvertretende Vorsitzende des Verbraucher-Service Bayern und Vorstandsmitglied beim Frauenbund Traunstein, Beate Rutkowski vom Bund Naturschutz und Oberbürgermeister Christian Kegel. Sie alle hoben als Positivum auch heraus, dass sich hier ganz verschiedene Organisationen zusammengetan haben und gemeinsam die Problematik ansprechen.

Bei einem Rundgang durch die Ausstellung fielen dem Betrachter zunächst die enormen Plastikverbrauchs-Zahlen ins Auge. 5,5 Milliarden Plastikbeutel werden demnach pro Jahr in Deutschland verwendet, die wenigsten wiederverwertet, jeder Mensch in der Bundesrepublik verbraucht durchschnittlich 117 Kilo Kunststoffe im Jahr, was sich im Jahr bei der Gesamtbevölkerung auf 18,5 Millionen Tonnen summiere. Und ebenfalls schier unglaublich: Stündlich würden, wie es hieß, in Deutschland 320.000 Kaffeebecher in den Müll geworfen.

Foto: Hans Eder

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Die Menge an Plastikmüll, die sich allein bei einem kleinen Spaziergang am Nordseestrand finden ließ, war am Boden aufgebaut – eine eindringliche Mahnung an die Verbraucher, wie allein das Meer beeinträchtigt wird und wie viele Meerestiere dem zum Opfer fallen beziehungsweise dass über die Fische das Plastik wieder zurück in die Nahrungskette und somit auch in den menschlichen Körper gelangt. Allenthalben tauchte das Schlagwort „Mikroplastik“ auf: Diese mikroskopisch kleinen Plastikteile finden sich mittlerweile fast überall: zu einem durch den Verrieb von Plastikabfällen aber auch, eigens produziert, als „Zugabe“ in allerlei, vor allem kosmetischen Produkten und Reinigungsmitteln. Wobei bei all der Klage über zu viel Plastikverbrauch Beate Rutkowski in ihrer Rede auch einen zumindest kleinen Erfolg zu vermelden hatte: Ihren Aussagen zufolge seien mittlerweile alle Zahncremes und auch viel Kosmetik bereits ohne die Mikroplastikanteile, die sich ja nach wie vor in den Kläranlagen nicht herausfiltern lassen. Dabei dauert es durchschnittlich 450 Jahre, eher Plastik wirklich vollständig abgebaut wird.

Gisela Sengl sprach im Gespräch mit Ausstellungsbesuchern den Hygiene-Wahn an, dem man gerade in Deutschland offenbar verfallen sei: Alles, selbst Obst, werde inzwischen eingeschweißt. Dies bestätigte Beate Keller: Ganz offenbar gingen die Hersteller „auf Nummer sicher“ und verpackten beinahe jedes Produkt in Kunststoff. Und in der Ausstellung wurde darauf verwiesen, dass überdimensionale Verpackungen ein Stück Täuschung beinhalteten: Zum einen werde das Produkt als edler verkauft als es tatsächlich ist, zum zweiten würden größere Mengen vorgegaukelt – als Beispiel wurden etwa Pralinenverpackungen gezeigt.

Angesprochen wurden auch Vereinsfeste, bei denen nach wie vor nicht selten Wegwerfgeschirr und -besteck verwendet werde – dabei schmeckt, wie Gisela Sengl am Schluss ihrer Rede sagte, „Bier im Glas doch wesentlich besser als im Plastikbecher“. Beate Rutkowski hatte in ihrem Beitrag noch die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass beim Plastik nicht nur der viele Abfall ein Problem sei, vielmehr der gesamte Kreislauf der dahinter stehe: Bei der Produktion würde viel Öl verbraucht, also die Ressourcen angegriffen, zudem entstünden dabei umweltschädlicher giftiger Abfall und Abgase.

Stoffbeutel statt Mülltüten, Verzicht auf die beliebten Kaffeekapseln, Wasser aus der Leitung statt in Einwegflaschen – solche und ähnliche Vorschläge hörte man von den Rednern, las man in der Ausstellung. Und wenn schon Plastikgegenstände: Je öfter sie genutzt werden, desto besser sei die Umweltbilanz. Lose Produkte und frische Lebensmittel statt aufwendig verpackter Waren einkaufen, Mehrwegsysteme und Nachfüllpackungen nutzen, Verschleißteile wechseln statt das ganze Gerät gleich wegwerfen und – wenn das Plastik schon mal im Haus ist – dann wenigstens in die richtigen Wertstoffbehälter geben. Diese und ähnliche Tipps mehr zogen sich wie rote Fäden durch die Ausstellung.

Und um allen, die sich für die Ausstellung interessieren, das Thema noch im wahrsten Sinn des Wortes handgreiflicher zu machen, forderte Peter Beisser die Besucher ausdrücklich dazu auf, Plastikobjekte mitzubringen, die dann vorne in der Klosterkirche aufgebaut werden und somit ein Spiegelbild des Lebensstils der heutigen Plastikgesellschaft vermitteln.

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Datum: Donnerstag, 10. November 2016 16:01
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