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Plastik und Mikroplastik – Gefahr für die Umwelt und für unsere Gesundheit

Gradraus Chiemsee Achendelta

Chiemsee, Achendelta. Foto: HM

Der Chiemsee: Sorgsam pflegen Tourismusverbände das Image einer Bilderbuchlandschaft, mit Alpenpanorama vor weißblauem Himmel, Königsschlössern in Insellage und Segelbooten, die träumerisch über die glitzernde Wasseroberfläche ziehen. Doch die Idylle am „Bayerischen Meer“, wie der mit 8000 Hektar Fläche drittgrößte See Deutschlands gerne genannt wird, ist längst nicht mehr ungetrübt. Wie eine Studie der Universität Bayreuth ermittelt hat, ist der See mit Mikroplastik belastet.

Für Mikroplastik, weniger als fünf Millimeter kleine Plastikteilchen, haben die Forscher im Chiemsee eine Verschmutzungsgrad von 0,1 pro Quadratmeter nachgewiesen. Andere Gewässer wie etwa der Ammersee sind noch stärker belastet.

Vor geraumer Zeit hat das Plastik-Problem auch deutlich sichtbare Gestalt angenommen – in Form von Plastiktrinkflaschen, Verpackungsmaterial und Kunststoffbechern, die beim sogenannten Jahrhunderthochwasser im Juni 2013 zusammen mit anderem Treibgut in riesigen Mengen in der Hirschauer Bucht angeschwemmt wurden: ausgerechnet hier, wo die Tiroler Ache in den Chiemsee mündet, wo sich ein streng geschütztes Vogelparadies von nationaler und europaweiter Bedeutung befindet. Die Kernzone des Naturschutzgebietes darf von Unbefugten nicht betreten werden, monatelang blieb der Müll deshalb dort liegen.

Erst ein halbes Jahr später wurden die Plastikteile von Fachpersonal entfernt. Anderes Schwemmgut wie Treibholz beließ man dort; es ist inzwischen teilweise im Schlamm versunken und treibt die Verlandung des Sees weiter voran. Das jedenfalls beklagen Vertreter einer Interessengemeinschaft, zu der sich Anwohner zusammengetan haben. „Unsere Hirschauer Bucht ist in den letzten 45 Jahren von einem der schönsten Sandbadestrände des Chiemsees zur Deponie für Müll, Treibholz und Schlamm geworden und extrem stark verlandet“, heißt es auf ihrer Webseite.

Im November 2013 wurden laut Wasserwirtschaftsamt in sechs Tagen per Hand 2,7 Tonnen Müll und 4,3 Kubikmeter Glas eingesammelt. Doch auch ohne Hochwasser gelangen jährlich 300.000 Kubikmeter Feinsand und Schwebstoffe in den Chiemsee, was laut Behörde Teil eines natürlichen Verlandungsprozesses sei, der letztlich nicht aufgehalten werden könne.

Praktisch alle oberbayerischen Gewässer sind mit Mikroplastik belastet

Mikroplastik besteht aus Zersetzungsprodukten von Kunststoffmüll und Plastiktüten oder stammt aus Körperpflegemitteln wie Zahnpasta, Sonnenmilch oder Duschgel, denen sie als Füllstoff, Schleif- oder Bindemittel zugesetzt werden. Die Teilchen werden von Kläranlagen nicht abgebaut und gelangen schließlich in Oberflächengewässer, wo sie dauerhaft verbleiben.

Nachdem eine Fallstudie am Gardasee zu alarmierenden Ergebnissen geführt hatte, startete Bayern 2014 eine Mikroplastik-Initiative und gab zwei Forschungsprojekte mit einem Volumen von über 900.000 Euro in Auftrag. Eine Arbeitsgruppe an der Universität Bayreuth unter Leitung von Christian Laforsch begann, Flüsse und Seen in Bayern daraufhin zu untersuchen, inwieweit sie mit Mikroplastik kontaminiert sind und welche Risiken für den Menschen bestehen, falls die Partikel in die Nahrungskette gelangen. Anfang 2015 wurden die ersten Zwischenergebnisse bekannt: Praktisch alle oberbayerischen Gewässer sind mit Mikroplastik belastet.

Während man beim Wasserwirtschaftsamt Traunstein darauf hinweist, dass noch gar nicht klar sei, ob das Mikroplastik überhaupt gefährlich für das Ökosystem sei und dass bislang keine Grenzwerte existieren, drängen die Traunsteiner Kreistagsfraktionen von Freien Wähler und Bayernpartei schon längr darauf, den See auf jeden Fall komplett vom groben Plastikmüll zu säubern. Andreas Danzer (Freie Wähler) zufolge ist die Säuberung der Hirschauer Bucht nur oberflächlich und nur zur Beruhigung der Öffentlichkeit erfolgt. Noch immer liege hier tonnenweise Müll herum.

Bayern strebt ein Bündnis gegen Mikroplastik an, ließ Umweltministerin Ulrike Scharf (CSU) im Mai 2015 verlauten. Den Antrag der SPD-Landtagsfraktion, die Bayerische Staatsregierung möge sich für ein Verbot von Mikroplastik in Kosmetika einsetzen, lehnte unterdessen die CSU im Landtag ab.

Veranstaltungstipp: Das Forum Ökologie Traunstein lädt am Mittwoch, den 21.Oktober um 20 Uhr ins Georgistüberl im Sailer Keller ein zu einem Vortrag über „MikroPlastik – die unsichtbare Gefahr“. Referentin ist Heike Piper vom Verbraucher Service Bayern e.V. Sie erklärt die Zusammenhänge, wie die kleinen Plastikteilchen über die Gewässer in unsere Nahrungskette gelangen. Die Teilnehmer bekommen auch anhand von Anschauungsobjekten konkrete Empfehlungen, wie man im Alltag Plastik vermeiden kann. Der Eintritt ist frei.

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Datum: Montag, 19. Oktober 2015 7:50
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