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Rupertiwinkel: Ideen der Ökomodellregion kommen nicht an

Petting: Flächenversiegelung am Dorfrand auf 11.000 Quadratmetern. Foto: gradraus

Flächenversiegelung am Dorfrand. Foto: gradraus

In Petting hat die VR-Bank Oberbayern Südost zu bauen begonnen: Auf 11.500 Quadratmetern entsteht ein Baumarkt mit Büroräumen und vier Hallen – darunter eine für Kunstdünger. Tankstelle und Waschanlage sollen folgen: Ein Riesenprojekt am Rand eines kleinen Ortes, der bereits einen Raiffeisenmarkt und gerade mal 2300 Einwohner hat. Die nehmen schweigend und anscheinend gleichmütig hin, was da mit ihrem malerisch gelegenen Dorf am Waginger See passiert. Der Bau einer neun Meter hohen Kunstdüngerhalle mitten in dieser Landschaft ist auch ein Symbol – ein Symbol für das Scheitern der Idee „Ökomodellregion“. Agnes Lamminger und Rainer Georg Zehentner berichten.

Die schlechte Wasserqualität des Waginger Sees war in der Region ein erstes Zeichen dafür, dass ein ganzes System aus dem Gleichgewicht geraten ist: Die aus der immer intensiveren Landwirtschaft stammende Phosphatfracht ist mehr, als der See verträgt. Ein Schritt auf dem Weg zur Besserung sollte die Ökomodellregion Waginger See-Rupertiwinkel sein. Doch die Worte, Ideen und Projekte kommen bei den Landwirten nicht an.

Der Waginger See hat bis heute keinen „guten ökologischen Zustand“ erreicht, wie ihn die EU-Wasserrahmenrichtlinie fordert. Zwar kann man ohne gesundheitliche Risiken darin baden, aber Fische und andere Tiere haben es schwer, in den Tiefen zu überleben. Grund dafür sind die hohen Phosphateinträge aus der Landwirtschaft, die unter anderem die Wasserpflanzen unnatürlich gut sprießen lassen, die wiederum, wenn sie absterben und verrotten, dem Wasser Sauerstoff entziehen. Nach vielen Jahren der Ursachenforschung bestätigte sich das, was viele vermutet hatten und einige nicht wissen wollten: Gut 90 Prozent der Phosphatfracht stammen aus der Landwirtschaft.

Waginger See, Blick auf Petting. Foto: gradraus

Trügerische Idylle: Waginger See. Foto: gradraus

Seit gut eineinhalb Jahren gibt es die Ökomodellregion Waginger See-Rupertiwinkel, in der sich sieben Kommunen zusammengeschlossen haben, in der Hoffnung, dass durch ansprechende Rahmenbedingungen Landwirte zu einer extensiveren Wirtschaftsweise gebracht werden könnten. Unter anderem dient die Ökomodellregion auch dem Zweck, die Produktion biologischer Lebensmittel zu fördern und mit unterstützenden Begleitprojekten und neuen Absatzwegen Landwirte davon zu überzeugen, künftig biologisch zu wirtschaften − Landwirtschaftsminister Helmut Brunners Ziel, die Zahl der Biolandwirte bis 2020 zu verdoppeln, stets im Blick. Doch die Verantwortlichen stoßen mit ihren Worten auf taube Ohren. Die konventionellen Landwirte zeigen kein Interesse und fühlen sich stattdessen oftmals sogar angegriffen, an den Pranger gestellt und zu Sündenböcken gestempelt.

Trotz großer Nachfrage und Ökoförderung: Nur 10 Prozent Biobauern im Landkreis Traunstein

Demeter-Bauer Franz Obermeyer aus Tengling kennt das Problem. „Vom ursprünglichen Ziel, alte Krusten aufzubrechen und mit allen Bauern anzupacken, sind wir meilenweit entfernt.“ Die Ideen, die Vorschläge, die Projekte: Sie kommen bei den Landwirten nicht an. „Es besteht nicht die Gefahr, dass die Pläne in der Schublade landen. Dort liegen sie schon“, sagt Franz Obermeyer voller Sarkasmus.

So gibt es zwar neue Vermarktungswege für biologische Produkte, weil unter anderem die Firma Barnhouse Zutaten für ihre Müslis aus regionalem Anbau kaufen oder das Unternehmen Byodo regionalen Senf herstellen will, aber es scheitert am Angebot. Seit dem Startschuss der Ökomodellregion weiß Franz Obermeyer nur von einem Landwirt im Gebiet, der seine Betriebsweise umgestellt hat.

Tatsächlich gibt es im gesamten Landkreis Traunstein heuer lediglich sieben Biolandwirte mehr als im vergangenen Jahr. Hans Zenz vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Traunstein berichtet von insgesamt 282 Biobauern im Landkreis. Das ist ein Anteil von 10,4 Prozent. „Wir haben uns über die geringe Zahl der Umsteller gewundert“, erklärt der Leiter der Abteilung Förderung. Vor allem wegen der Ökoförderung, die Landwirtschaftsminister Brunner von 200 Euro je Hektar Agrarland auf 273 Euro angehoben hat. „Von einer Verdoppelung sind wir weit entfernt, wenn das in den nächsten fünf Jahren in diesem Tempo weiter geht“, kommentiert Zenz die Bemühungen, das erklärte Ziel der Staatsregierung auch in der Region umzusetzen. So müssen weiter Bioprodukte importiert werden.

In den Augen Sebastian Siglreithmayers, des Kreisvorsitzenden des Bayerischen Bauernverbands Traunstein, kann die Ökomodellregion keine Strukturen schaffen, die einen konventionell wirtschaftenden Landwirt von einer Umstellung überzeugen könnte. Er sieht sie mehr als positiven Nebeneffekt, mit dem zum Beispiel Anbieter von Ferienwohnungen werben können. Gerade für das Gebiet um den Waginger See sei die Ökomodellregion ein gutes Werbemittel. Der BBV-Kreisvorsitzende vermisst das „notwendige Fingerspitzengefühl“, das seiner Meinung nach gerade bei der Einführung der Ökomodellregion vor eineinhalb Jahren notwendig gewesen wäre.

„Mit der aggressiven Vorgehensweise in Bezug auf Bio hat man das Kind mit dem Bad ausgeschüttet“, sagt er. Zudem sei eine Umstellung auf eine biologische Wirtschaftsweise ein Wagnis, das ein Landwirt nicht eingehen wolle, solange das alte System laufe − vor allem angesichts der stetig steigenden Pachtpreise für Agrarflächen. „Ein Biobetrieb braucht nun mal mehr Fläche, und die wird gerafft.“

Diese Argumente lässt Franz Obermeyer nicht gelten. „Es geht keinem richtig gut. Die Spirale zwischen dem Verfall der Preise und der Intensivierung der Landwirtschaft dreht sich immer weiter, und es ist nicht ansatzweise Land in Sicht.“ Für ihn ist einzig die Qualität der Schlüssel zum Überleben auf dem Weltmarkt: bei guten Bedingungen weniger Milch produzieren und zu besseren Preisen verkaufen. „Ich brauche nicht zwanzig Hektar mehr, wenn ich weniger Kühe im Stall stehen habe, für deren Milch ich mehr Geld bekomme.“

Eine zentrale Rolle spielen in der Region um den Waginger See die beiden heimischen Molkereien: die Milchwerke Berchtesgadener Land Chiemgau eG in Piding und die Bergader Privatkäserei in Waging. Während die Pidinger Genossenschaftsmolkerei den rekordverdächtig hohen Preis von 38 Cent pro Kilogramm halten will, senkt Bergader, den heftigen Protest einiger seiner Lieferanten zum Trotz, den Preis pro geliefertem Kilogramm Milch auf 31,15 Cent.

Sepp Hubert ist Landwirt in der Gemeinde Kirchanschöring, Kreisvorsitzender des BDM Traunstein und Leiter der Arbeitsgruppe „Regionale Milch“ der Ökomodellregion. Er ist überzeugt: Bei einem garantiert besseren Milchpreis könnte er viele Bauern zu einem Zwischenschritt bewegen. Sie könnten nur in Bayern gewachsene Futtermittel verwenden, maximal dreißig Prozent Mais unter das Futter mischen oder sich im Sommer zur teilweisen Grünfütterung verpflichten. „Das kostet alles etwas mehr, und das muss sich natürlich im Preis widerspiegeln. Aber damit finde ich bei den Abnehmern kein offenes Ohr.“ Die Milchwerke BGL beziehen ihre Milch allein von ihren Genossen, Bergader zeige kein Interesse.

Bauern wissen nicht mehr, wie man Kartoffeln anbaut

Eines ist Sepp Hubert klar: Die produzierte Milchmenge würde sinken. „Aber was macht das schon, wenn ich zehn Prozent weniger Milch verkaufe, dafür aber für die restliche Milch zehn Prozent mehr Geld erhalte?“ Er selbst habe den Hof bereits an seinen Sohn übergeben, nun müsse der sich entscheiden. „Eine Umstellung stellt erst einmal eine große Unsicherheit dar. Auch, weil zum Beispiel keiner mehr Kartoffeln anbauen kann. Das lernt doch heute keiner mehr.“ Es scheint in der Ökomodellregion Waginger See-Rupertiwinkel an vielem zu mangeln – an Fingerspitzengefühl, an Sicherheit – nur nicht an der Bereitschaft. Franz Obermeyer schüttelt den Kopf und führt ein Beispiel an: Der Demeter-Bauer schlug vor, dass sich die Landwirte der Ökomodellregion freiwillig verpflichten sollten, auf den Unkrautvernichter „Roundup“ zu verzichten, dessen Wirkstoff Glyphosat ist. „Damit wären wir als Region Vorreiter.“ Doch obwohl sich jeder Verband von diesem Mittel distanziere und viele Bauern erklärten, es ohnehin kaum zu benutzen, wurde der Vorschlag nicht beachtet. „Und das ist für mich Inkonsequenz.“

Konsequenz jedoch ist, was die Tiere im Waginger See nötig haben. Werden die Flächen rund um den See nicht dauerhaft extensiver bewirtschaftet, könnte am Ende mehr als nur freiwillige Leistungen eingefordert werden.

Agnes Lamminger
Rainer Georg Zehentner

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Datum: Dienstag, 6. Oktober 2015 16:18
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