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Waginger See: Engagement der Bürger hat sich gelohnt

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Streuobstwiese
Foto: Ökomodellregion

Die Unterschriftenaktion der Initiative „Rettet endlich den Waginger See“ mit über 6700 Unterschriften zeigt Früchte. Auf Anregung von Landwirtschaftsminister Brunner haben sich die Bürgermeister der Seeanliegergemeinden erfolgreich darum beworben, als Ökomodellregion anerkannt und finanziell unterstützt zu werden. Seit einem Jahr arbeiten rund 100 Bürger in Arbeitsgruppen an der Frage, mit welchen konkreten Aktionen unsere Heimat als Natur- und Kulturlandschaft erhalten werden kann. Hans Eder berichtet von der Pressekonferenz der Initiative Ökomodellregion Waginger See-Rupertiwinkel:

Die Zusammenarbeit funktioniere immer besser, bilanziert Alfons Leitenbacher, der Leiter des Landwirtschaftsamtes Traunstein bei einem Pressegespräch im Amt zum Thema „Ökomodellregion“. Der Kirchanschöringer Bürgermeister Hans-Jörg Birner, Vorstandssprecher der Ökomodellregion, bestätigt dies und betont, dass ursprünglich vorhandene „ideologische Schranken“ – gemeint ist vor allem das Verhältnis zwischen biologisch und konventionell wirtschaftenden Bauern – immer mehr abgebaut würden.

Ein Ziel ist die Verbesserung der ökologischen Wasserqualität durch weniger Vieh, weniger Phosphat und weniger Maisanbau

Fast genau ein Jahr liegt es zurück, dass Landwirtschaftsminister Helmut Brunner bei einem Festakt am 6. März 2014 in der Münchner Residenz den Gemeindeverbund Waginger See-Rupertiwinkel zu einer staatlich anerkannten Öko-Modellregion ernannt hat. Die insgesamt fünf Öko-Modellregionen in Bayern sollten, so der Minister bei der Überreichung der Urkunden, „beispielhaft zeigen, wie man in gezielter Zusammenarbeit und mit einem überzeugenden Konzept die Produktion ökologischer Lebensmittel und das Bewusstsein für Ökologie, Regionalität und Nachhaltigkeit voranbringen kann“. Nun kommt Minister Brunner am Mittwoch, 25. Februar, um 19.30 Uhr in die Rupertihalle nach Fridolfing – was Wunder, dass die regionalen Verantwortlichen zeigen wollen, was in dem einen Jahr geschehen ist.

In der Konzeption zum Antrag auf Anerkennung als Öko-Modellregion war eines der Ziele, den ökologischen Zustand von Waginger und Tachinger See zu verbessern. Ein Weg dorthin sollte es sein, ökologischen Landbau zu fördern und dessen Anteil rund um die Seen von aktuell 7,5 Prozent anzuheben, im Idealfall zu verdoppeln. (In Österreich beträgt die Fläche 20 Prozent.) Denn, so hatte es geheißen, Ökolandbau bringe eine Reihe von Vorteilen für den Seenschutz: im Durchschnitt der Betriebe ein geringerer Großvieh-Besatz, kein Einsatz von leicht löslichem Mineraldünger, geringere Phosphatversorgung in den Böden, weniger Maisanbau, geringerer Zukauf von phosphatreichen Futtermitteln, häufig bessere Bodenpflege und besserer Wasserrückhalt.

In einer ganzen Reihe von Arbeitsgruppen treffen sich etwa hundert engagierte Leute aus den beteiligten Gemeinden Waging am See, Taching am See, Wonneberg, Kirchanschöring, Petting, Fridolfing und Tittmoning regelmäßig, um im Kleinen in Richtung mehr ökologische Erzeugung und mehr Regionalität voranzukommen. Neu dabei sind auch erste Mitarbeiter aus der Gemeinde Teisendorf, die mit der Ökomodellregion seit Jahresende kooperiert.

Das Interesse an heimischer Bioware wächst

Da gibt es zum einen die kommunale Säule mit den Themen Ernährungsbildung, Ökoregion und Gemeinden, Streuobst und Artenschutz. Ein Schwerpunkt liegt hierbei auf dem Thema Streuobst, Denn große Keltereien in der Region erzielen derzeit im Biosaft-Bereich Umsatzsteigerungen. Ihr wachsender Bedarf an Bioobst muss aber durch Zukäufe aus dem In- und Ausland gedeckt werden. Sie wären, wie man bei der Ökomodellregion weiß, an heimischer Bioware sehr interessiert und würden dafür auch höhere Preise zahlen.

Die sieben Gemeinden der Ökomodellregion haben sich zum Ziel gesetzt, in den nächsten Jahren gemeinsam 1500 Bäume zu pflanzen – konkret im kommenden Frühjahr bereits 100 Stück. Deshalb werden weiterhin neben Gemeindeflächen auch landwirtschaftliche Flächen sowie private Flächen oder kirchliche Grundstücke ab einer Mindestfläche für etwa acht Bäume gesucht, die mit Hochstämmen bepflanzt werden sollen. Der Vorteil dabei, wie die Projektbetreuerin erklärt, liegt darin, dass sich auch Nicht-Ökobauern beteiligen können, wenn die jeweilige Streuobstfläche, auf der Bäume stehen, als Bio zertifiziert wird. Damit ließen sich deutlich bessere Preise erzielen.

Weitere Themen dieser kommunalen Säule sind der Bezug von biologisch erzeugten Lebensmitteln für Schulen, kommunale Einrichtungen oder auch bei Vereinsfesten. Hier haben schon verschiedene Seminare und Informationsveranstaltungen stattgefunden. Der Bedarf für regionale Bioware ist insgesamt enorm. Etwa bei biologisch erzeugten Kartoffeln, Gemüse und Getreide sowie bei Milch, Käse und Fleisch gebe es, wie die Gesprächsteilnehmer betonen, eine große Nachfrage, ebenso auch bei Ölen, etwa bei Bio-Leinöl. Die beiden größten Abnehmer von Biomilch in der Region, die Molkereien Andechs und Berchtesgadener Land, seien offen für weitere Lieferanten. Hier liege eine große Chance für umstellungsinteressierte Betriebe. Die Erzeugung von Milch bleibe das wichtigste Standbein in der Grünlandregion, aber es gebe weitere Möglichkeiten für Bioerzeuger, die sich andere oder zusätzliche Betriebszweige erschließen wollen.

Sieben Bauern stellen Fläche für den Anbau von Biobraugerste bereit

Benachbart zur Ökomodellregion liegen bekannte Verarbeiter für Biofleisch (Chiemgauer Naturfleisch in Trostberg und die Erzeugergemeinschaft Schlachtvieh in Traunstein) und für Biogetreide (Byodo und Barnhouse in Mühldorf). Allesamt sind am Aufbau fairer und langfristiger Kooperationen mit den Erzeugern interessiert und suchen weitere Bioerzeuger aus der Region. Ein fairer Preis für die heimische Bioware soll den langfristigen Bezug der Rohware für die Firma sicherstellen. Die Ökomodellregion entwickelt aber auch Projekte mit dem heimischen Lebensmittelhandwerk und Bio-Direktvermarktern und will bei Felderbegehungen auch Betriebe vorstellen, die eine interessante Nische wie etwa den Anbau von Biogemüse gefunden haben. Interessant sind derzeit die verbesserten Fördersätze für Bio- und Umstellungsbetriebe über das neue Kulturlandschaftsprogramm und vielfältige Beratungsmöglichkeiten, etwa über das Fachzentrum Ökolandbau in Ebersberg, die Ökoverbandsberater und Demonstrationsbetriebe; auch die Ökomodellregion steht als Ansprechpartner zur Verfügung.

Heuer soll konkret der vermehrte Anbau von Biobraugerste beginnen. Die Schlossbrauerei Stein, die bei der Erzeugung von konventioneller Gerste bereits seit langem mit Bauern in der Region zusammenarbeitet, möchte auch die Gerste für ihre Bio-Biere in der Region erzeugt wissen. In einer ersten Phase würden, so die Brauerei, rund 25 Hektar an Fläche gebraucht. Sieben Bauern stehen bereit, auf ihren Grundstücken Bio-Gerste für Stein anzubauen.

Anonyme Großvermarkter sollen zurückgedrängt werden

Damit komme man dem Ziel näher, den Wertschöpfungs-Kreislauf in der Region auszubauen und statt anonymer Großvermarkter mit Partnern in der Region auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten. Einige Landwirte wollen in diesem Jahr damit beginnen, Senf im Gemenge anzubauen, der über die Mühldorfer Firma Byodo verarbeitet werden soll; allerdings ist der Anbau von Biosenf ackerbaulich äußerst anspruchsvoll und soll erst einmal erprobt werden. Die Produktion ökologisch erzeugter Produkte ist das eine, die Vermarktung eine andere. Um diesen Sektor kümmern sich drei weitere Arbeitskreise mit den jeweiligen Schwerpunkten Biofleisch, -milch und -ackerbau.

Bei alledem geht es aber – und das wird immer wieder betont, um Missverständnisse zu vermeiden – auch um die konventionelle Landwirtschaft. Denn, so Alfons Leitenbacher, der Chef des Landwirtschaftsamtes Traunstein, „auch wer nicht umstellen will, kann viel Positives tun“: etwa durch Reduzierung von Pflanzenschutz- und Düngemitteln oder durch die Einrichtung von Gewässerrandstreifen. Es gibt, wie Leitenbacher eindringlich zusammenfasst, nämlich „nicht nur intensiv und bio, sondern auch noch etwas dazwischen“. Chancen für Biobetriebe in der Öko-Modellregion aufzuzeigen heiße noch nicht, dass nunmehr um jeden Preis jeder Bauer biologisch wirtschaften solle.

Der Freistaat Bayern übernimmt für zwei Jahre 75 Prozent der Kosten

Die Koordination all dieser vielfältigen Aktivitäten und die Verbreitung der Ideen auch auf der Suche nach geeigneten Partnern obliegt den beiden Projektmanagerinnen Marlene Berger-Stöckl und Christa Zeitlmann, die ihr Büro im Rathaus der Gemeinde Waging haben. Der Freistaat unterstützt damit die Umsetzung der Konzepte der Öko-Modellregion über einen Zeitraum von zwei Jahren, indem die Kosten zu 75 Prozent übernommen werden.

Am 25. Februar kommt Landwirtschaftsminister Helmut Brunner zu einem Informations- und Diskussionsabend „Chancen für den bäuerlichen Familienbetrieb in der Ökomodellregion Waginger See-Rupertiwinkel“ nach Fridolfing.
Am 10. März stellt die Öko-Modellregion in Palling die „Regionalvermarktung“ vor.
Am 14. März findet ein „Probe-Grillen“ für Vereinsvorstände in Fridolfing statt: Einführung von Biomenüs für Vereinsfeste.
Am 16. März ist eine Fachveranstaltung zum Thema „Umstellung auf Ökolandbau“ in Otting geplant. Ende März wird die erste Streuwiesen-Pflanzaktion stattfinden.
Am 19. April wird sich die Öko-Modellregion mit einem Stand auf der Gewerbeschau in Kirchanschöring präsentieren.

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Datum: Samstag, 21. Februar 2015 12:29
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