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Sondergebiete statt Grünland –
Zerstörung unserer Natur- und Kulturlandschaft geht voran

Vor hundert Jahren reiste die Schriftstellerin Carry Brachvogel alljährlich von München nach Teisendorf und verbrachte hier ihren Sommerurlaub. In ihren Büchern hat sie ihre Eindrücke festgehalten. Da die Einheimischen nicht verreisten, so Brachvogel, seien sie sich gar nicht bewusst, dass sie in der schönsten Landschaft der Welt leben. Auch heute kann man sich fragen: Wissen wir eigentlich, dass unser Land, Rupertiwinkel und Chiemgau, zu den schönsten Landschaften auf der Welt gehört? Und dass diese Schönheit massiv bedroht ist – von der Profitgier der Geschäftemacher und ihren Unterstütern? In den zahlreichen Videofilmen und Fernsehbeiträgen über unsere Region, die seit einiger Zeit Konjunktur haben, kommen sie nicht vor: die Discounter, die zur Uniformierung unserer Ortseingänge führen, die großflächigen Gewerbeansiedlungen oder landwirtschaftlichen Großbetriebe und Hallenbauten, von denen es dank der Agrarpolitik immer mehr gibt. Die schöne Landschaft wird ins Bild gesetzt und vermarktet. Doch die idyllischen Bilder täuschen darüber hinweg, dass der allmähliche Ausverkauf unserer Landschaft droht.

Unser schönes Land ist nicht mit Erlebnisparks, Gewerbebauten und überdimensionalen Hallen zugepflastert und dadurch ruiniert, wie es vielerorts in benachbarten Regionen, in Baden-Württemberg oder Österreich, bereits der Fall ist. Noch nicht! Noch ist der Waginger See nicht rundherum zubetoniert wie viele Seen im Süden von München. Aber statt alles dafür zu tun, diese einmalige Natur- und Kulturlandschaft zu erhalten, versuchen von Geldgier getriebene Geschäftsleute, sich das vermeintlich rückständige Land zur Beute zu machen.  Bauernland soll industrialisiert und durch Gewerbegebiete „entwickelt“ werden. Ein Güterterminal – oder am besten alle zehn Kilometer einer – das ist der Traum so mancher Lokalpolitiker, die von großen Subventionstöpfen träumen.

Wertvoller Boden wird versiegelt – für privat Wirtschaftsinteressen

Für riesige Handelskonzerne, die nicht nur die Preise, sondern vor allem auch ihre Mitarbeiter drücken und von denen niemand weiß, ob sie überhaupt bei uns Steuern zahlen, werden mit dem Steuergeld der kleinen Leute breite Straßen gebaut. Den Rupertiwinkel endlich zu einer europäischen Verkehrsdrehscheibe machen – so rauscht es sogar schon in jenem Blätterwald, der sich Heimatzeitung nennt. Wollen wir das wirklich?

Für private Wirtschaftsunternehmen wird das Gemeingut Boden, wird wertvolles Land versiegelt und die Landschaft zugestellt, in einigen Fällen wird ihre Ansiedlung, ihre räumliche Ausdehnung oder auch einfach nur ihr Betrieb öffentlich bezuschusst. Arbeitsplätze sollen erhalten bleiben, Gewerbesteuereinnahmen müssen fließen – mit solchen Prioritäten rechtfertigt manche Gemeinde eine Firmenansiedlungspolitik, die den Erhalt landschaftlicher Schönheit als nachrangig betrachtet und sich nicht um das zukünftige Bild ihrer Heimat kümmert. Immer mehr Wachstum, immer weitere Gebietsausweisungen, koste es was es wolle – so denkt manches Gemeindeoberhaupt. Zum Glück nicht alle.

Wieviel Geld wendet eine Kommune eigentlich auf, wie hoch sind die Zuschüsse für die Vergrößerung und Umsiedlung eines „heimischen“ Unternehmens an einen repräsentativen Standort vor den Toren der Stadt, mitten auf wertvollem Ackerland? Was ist uns das wert, was ist die Gegenleistung dafür? Davon erfahren die Bürger für gewöhlich: nichts. Das wird in geheimen Sitzungen beschlossen und auch anschließend nicht bekannt gegeben. Das wird in geheimen Verträgen vollzogen und in aller Stille werde Tatsachen geschaffen. Die Stadt übernimmt die Kosten für Planung, Erschließung, Wasser- und Stromanschluss, Straßen und Kanalbau. Bezahlen tun es die Bürger, für den Gewerbebetrieb.

Das ist nur der Anfang

Ein atemberaubender Angriff auf unsere Natur- und Kulturlandschaft erfolgte vor genau einem Jahr, am 14. Januar 2014. Damals beschloss der Stadtrat Tittmoning, mitten auf dem Acker, dort, wo von Westen die Verbindungsstraße TS 16 in die Bundesstraße 20 zwischen Tittmoning und Fridolfing mündet, ein Gewerbegebiet zu genehmigen. Ein so genanntes „Sondergebiet“ mit in 40 Meter Länge gegliederte Hallenbauten, 17,50 Meter hoch, soll verhindern, dass ein in der Stadt ansässiger Betrieb aus der Stadt abwandert – eine Tittmoninger Firma mit Stammsitz in Leonberg (wer bekommt die Gewerbesteuer?). Damit ist ein Anfang gemacht. Von hier aus werden – obwohl beteuert wird, dass dies natürlich niemals passieren wird – Stück für Stück und Schritt für Schritt mit der Zeit links und rechts der Straße weitere Hallenbauten wachsen, Gewerbe-Gebiete, Einkaufszentren, Autohäuser – kurz, alles was der Mensch so braucht zum Glücklichsein. Oder jedenfalls, um einen Arbeitsplatz zu haben. Die Bürger werden nicht gefragt, ob sie das wirklich wollen – Arbeitsplätze, bei denen jedenfalls eines sicher ist: dass sie zum Ausverkauf der Landschaft beitragen.

Solange – anders als in der Schweiz – unseren Bürgern in so gravierenden Fällen keine demokratische Entscheidungsmöglichkeit über ihren eigenen Angelegenheiten eingeräumt wird, müssen sie damit leben, dass andere für sie entscheiden und bestimmen, was mit ihrem Geld geschieht. Auf der Strecke bleibt hier nicht nur die Landschaft, sondern auch die Demokratie.

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Datum: Mittwoch, 28. Januar 2015 17:13
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Ein Kommentar

  1. 1

    Mir tut es jedesmal weh, wenn überall an den Stadträndern die Gewerbegebiete sprießen, auch ohne dem sog. Anbindegebot. Sowas geschieht derzeit am südlichen Stadtrand von Rosenheim. Das Gewerbe ist eher bei Raubling als an Rosenheim. Eine riesige Fläche an guter landwirtschaftlicher Fläche (bei Happing)ist hier schon restlos verbaut.

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