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„Bürgerallianz Grenzenlos“ vereinigt 14 Bürgerinitiativen – Auftaktversammlung in Waging – Stärkeren Einfluss auf die Politik nehmen

Symbol: So ein grünes Geschenkband steht für nachhaltige Verkehrspolitik (vergrößerbar)!

Waging am See. Großveranstaltung von Bürgerinitiativen gegen Verkehrsprojekte: Gut 350 engagierte Bürger aus über einem Dutzend Gruppierungen, die bei sich zu Hause gegen Straßen oder Brücken protestieren, haben sich am Samstag im Kurhaus in Waging getroffen. Diese Veranstaltung war offizieller Startschuss für einen Schulterschluss dieser Initiativen, die unter dem Namen „Bürgerallianz Grenzenlos“ künftig näher zusammenrücken, Informationen austauschen, gegenseitig Hilfestellung leisten und stärkeren Einfluss auf die Politik nehmen möchten. Ulrich Kühn aus Waging ist einer der Initiatoren dieses Netzwerks, dem sich seinen Aussagen zufolge wohl noch weitere Gruppierungen anschließen werden. Er zitierte eine Zielformulierung des Regionalen Planungsverbandes Südostbayern, nach der es bis zum Jahr 2015 eine Infrastruktur geben solle, die es möglich macht, von jeder Gemeinde in der Region 18 in einer Fahrstunde nach München und/oder  Salzburg zu kommen. Dies würde gewaltige
Ausbaumaßnahmen mit sich bringen. „Wollen wir das in der Region?“ stellte Kühn die rhetorische Frage. Landrat Hermann Steinmaßl, der Verbands-Vorsitzende, wolle zudem die Region zur Drehscheibe für Güter- und Personenverkehr in Richtung Süd- und Südosteuropa machen. Gegen diese Vorhaben wenden sich, so Kühn, all die Initiativen der „Bürgerallianz Grenzenlos“.

Ziele von Bürgerallianz Grenzenlos

Sie treten ein, so Kühn, für Mensch und Natur in Südostbayern und den angrenzenden österreichischen Bundesländern: für bestandsorientierte Verkehrs-Konzepte, für den Erhalt von Wohn- und Lebensqualität, für die Förderung des ÖPNV, für nachhaltige Mobilität und nicht zuletzt für Transparenz und Mitbestimmung. Gerade für diese letzten Punkte erhielt Kühn viel Applaus. „Bisher sind die Bürger oft erst beim ersten Spatenstich aufgewacht. Wir wollen, dass die Planungen rechtzeitig in die Öffentlichkeit gehen.“ Dazu wolle man sich vernetzen und die Bevölkerung aufklären.

Überwältigt von der großen Resonanz

Eine ganze Reihe von Rednern unterstützte den Zusammenschluss: Hermann Eschenbeck, stellvertretender Bund-Naturschutz-Kreisvorsitzender, zeigte sich überwältigt von der großen Resonanz. Es sei von allergrößter Wichtigkeit, dass die Menschen für die Organisation ihres Widerstands und für die gegenseitige Information alle modernen Möglichkeiten nutzten. Nur so könnten sie auf Augenhöhe mit den Planungsbüros und der Politik verkehren. Gerade die hiesige Region sei von der „Bauwut“ besonders betroffen, sagte Eschenbeck. Besonders Waging, Taching und Palling würden immer noch mehr Verkehr bekommen. Dadurch kämen wieder Forderungen nach weiteren Umgehungen, und so drehe sich die Spirale immer weiter. Dagegen würden Alternativen vernachlässigt: die Bahn werde nicht modernisiert, eher ausgedünnt, der ÖPNV sei immer noch nicht ausreichend ausgebaut. Er müsse endlich auch auf dem Land eine echte Alternative werden. So sei es sehr zu begrüßen, dass sich die Initiativen endlich zusammenschließen, um den Bürgern mehr Gehör bei Politik zu verschaffen.

Rund eine Million Euro haben die Planungen gekostet. Das 30 Meter lange mit Beton gefüllte Hülsenrohr, ein Abfall, könnte als Denkmal für eine Million Steuergelder, die "in den Sand gesetzt wurden" in aufrechter Position an der B 20 aufgestellt werden. (vergrößerbar!)

Zwischen den Wahlen das Maul aufmachen!

Pfarrer Simon Eibl aus Laufen meinte, das derzeitige Konzept der Mobilität habe keine große Zukunft mehr, da die Ressourcen zur Neige gingen. „Wir leben von der Landschaft und vom Fremdenverkehr“, so Eibl weiter, „das zieht die Leute zu uns her.“ Auch deswegen müsse man sich mit dem Straßenbau zurückhalten und zudem auf die Kosten schauen, nach dem Motto: „Baut is glei, aber erhalten muss es werden.“ Von daher sei es wichtig, nicht nur bei den Wahlen seine Stimme abzugeben, sondern auch dazwischen noch das Maul aufzumachen, sagte er unter dem Beifall der Anwesenden.

Jede Fläche ist wichtig für die Welternährung

Hans Glück, seit 30 Jahren Biobauer aus Tittmoning, stellte fest, man habe in Deutschland schon das dichteste Verkehr-Netz der Welt und Vollbeschäftigung über einen relativ langen Zeitraum: „Wir werden nicht verarmen, wenn die Brücke und weitere neue Straßen nicht gebaut werden.“ Das Zubetonieren von immer mehr Grund sei ein Beitrag zum Bauernsterben, außerdem brauche man die Flächen für die Ernährung der Weltbevölkerung. „Was könnten wir mit 40 Millionen Euro“ – die derzeit angegebenen Baukosten der Salzachbrücke bei Fridolfing – „an Ausgleichszahlungen an die Bauern im Gebiet Waginger See zahlen! Das wären Investitionen in die Zukunft.“ Aber die Agrarpolitik, so wie sie sich heute darstelle,  degradiere Bauern zu billigen Grundstücks-Lieferanten.

„Wir haben nicht mal mehr Geld für das vorhandene Straßennetz.“

Dr. Toni Hofreiter, Bundestagsabgeordneter der Grünen und Mitglied im Verkehrsausschuss, stellte fest, dass der Unterhalt der Straßen immer mehr zum Problem werde: „Wir haben nicht mal mehr Geld für das vorhandene Straßennetz.“ Dabei brauche man bei den teuren Ölpreisen einen intensiven Ausbau der Bahn, keine neuen Straßen. Die Bürgerinitiativen seien ja nicht gegen alles, wie immer gesagt werde, betonte er: So sollen bei der A8 ja Standspuren gebaut werden. Die Bürger wollten einen bestandsorientierten Ausbau. Das ginge viel schneller und koste viel weniger. Sein Appell an die zuständigen Politiker: „Sagt Ja zum Vorschlag der Bürger: Alle hätten was davon.“ Und an die Bürger appellierte er: „Lasst euch nicht einschüchtern, wir leben in einer Demokratie. Haut die Politiker zum Teufel, wenn sie nicht eure Interessen vertreten.“

Zugfahren ist schön und Busfahren ist nützlich

Michael Behringer, Bund-Naturschutz-Vorsitzender in Freilassing, zeigte regionale Bahnkonzepte auf, die mit der bestehenden Infrastruktur funktionieren und wenig Geld kosten: Fahrpläne in den Gemeindeblättern, einen regelmäßigen Takt-Fahrplan, Schaffner in allen Zügen, Einbindung von Schulbuslinien in den öffentlichen Verkehr, Anbindung an Fernverkehr, Busse ans Schienennetz anbinden mit einheitlichem Tarifsystem. Sein abschließender Appell betraf die „Einstellungen im eigenen Herzen“: „Wir müssen die Angebote auch annehmen und uns selbst dazu bekennen, dass Zugfahren schön und Busfahren nützlich ist“ – nach dem Motto: „Am Sonntag bleibt das Auto kalt, da fahr’n wir mit dem Zug zum Wald.“

UVA  Trostberg nimmt Vorreiterrolle ein

Abgerundet wurde der Abend von Ausführungen dreier exemplarischer Vertreter der 14 Gruppierungen in der Bürgerallianz Grenzenlos: Gisa Paul berichtete über den Kampf des Umweltverbandes Alztal gegen den Aubergtunnel bei Altenmarkt und warb für Unterstützung, da dieser Verband das Klagerecht hat und sich im Augenblick für eine viel kostengünstigere Alternative für den nach ihrer Ansicht unnötigen überdimensionierten Aubergtunnel bei Altenmarkt einsetzt.

Eines der im Brennpunkt stehenden Verkehrsprojekte ist die geplante Salzachbrücke bei Fridolfing. Das Bild zeigt die sieben Pfahlbohrköpfe der 27 Meter langen Probepfähle, die noch heraus ragen. Die zwei größeren Haufen im Hintergrund sind Seeton, der beim Bohren an die Oberfläche gelangt ist. (vergrößerbar!)

Sepp Frech sprach über die Initiative „Vernunft gegen Salzachbrücke“ und machte deutlich, dass die Brücke über die Salzach inzwischen  doppelt so viel kostet innerhalb von nur 5 Jahren, nämlich über 40 Millionen  und der Seeton-Untergrund ohne Tiefengründung  bis zu 70 Meter ein Risiko für die Standfestigkeit darstellt.

Erik Schnaitl aus Salzburg stellte die Aktivitäten für menschlicheren Verkehr im Rahmen der Initiative fairkehr.net vor und machte durch ein Video bewusst, wie weit wir unsere kommunale Kommunikation durch den Platzbedarf des Autos eingeschränkt haben.

Weitere Informationen sind erhältlich bei der Internet-Bürgerzeitung www.gradraus.de unter dem Stichwort „Bürgerallianz Grenzenlos“

Eines der im Brennpunkt stehenden Verkehrsprojekte ist die geplante Salzachbrücke bei Fridolfing. Das Bild zeigt die sieben Pfahlbohrköpfe der 27 Meter langen Probepfähle, die noch heraus ragen. Die zwei größeren Haufen im Hintergrund sind Seeton, der beim Bohren an die Oberfläche gelangt ist. Eines der im Brennpunkt stehenden Verkehrsprojekte ist die geplante Salzachbrücke bei Fridolfing. Dieses 30 Meter lange mit Beton gefüllte Hülsenrohr, als Abfall zurückgelassen, könnte als Mahnmal für rund eine Million Euro verschwendeter Steuergelder aufgestellt werden, sagt Ulrich Kühn, einer der Initiatoren von „Allianz Grenzenlos“.

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Datum: Mittwoch, 3. November 2010 1:44
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