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Olympische Winterspiele 2022 im Chiemgau – Von Experten kritisch durchleuchtet

Nolympia Hierneis Rehbeck

Christian Hierneis und Willi Rehberg – Foto: BN TS

Traunstein: Diese Frage versuchten Willi Rehberg, Olympiakritiker und Finanzexperte aus Salzburg und Christian Hierneis, Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz Stadt und Land München, Mitglied der Landesvorstandes des BN und Sprecher von NOlympia München bei einer sehr gut besuchten Veranstaltung des Bund Naturschutz Traunstein zu beantworten.

IOC verfügt über einen Reingewinn von 2,8 Milliarden

Willi Rehberg, der schon gegen die Bewerbung Salzburgs 2004, 2006 und 2010 und gegen München 2018 aktiv gewesen war, gab einen Einblick in die Strukturen und in die Vermögensverhältnisse des IOC. Das IOC sei heute noch ein Verein nach Schweizer Recht mit 355 Angestellten, der aus den olympischen Spielen von 2000 bis 2012 einen Reingewinn von 2,8 Milliarden Euro angehäuft habe, während die Austragungsorte immer noch Schulden abbezahlen würden.

Die Kosten liefen immer aus dem Ruder

„Das IOC übernimmt nur einen Bruchteil der Kosten, streicht aber einen festgelegten Gewinn ein“, so Rehberg. Dabei liefen die Gesamtkosten immer aus dem Ruder, in London war man zu Beginn von 3,8 Milliarden Pfund ausgegangen, am Schluss seien es fast 9 Milliarden gewesen.

Externe Sicherheitskosten bis zu einer Milliarde kommen extra dazu

Die externen Sicherheitskosten seien z.B. im Durchführungsbudget nicht enthalten und vorher nicht genau beziffert. „Nach allen Erfahrungen der letzten Spiele müsse man mit Kosten von 500 Mio bis eine Milliarde Euro allein für die externen Sicherheitskosten rechnen, dazu gehöre z.B. auch der Einsatz von Polizisten aus ganz Deutschland und die Luftraumüberwachung.

Kein heimisches Bier und keine heimische Gastronomie

Auch die versprochenen Verkehrsprojekte müssten von Land und Bund gezahlt werden, diese Gelder würden dann an anderer Stelle fehlen. Die Gewinner seien immer das IOC und die Sponsoren, die man zudem vor den heimischen Anbietern schützt. „Allein die Sponsoren dürfen vor Ort ihre Waren anbieten, da gibt es dann nur McDonalds und keine heimische Gastronomie mehr“, warnte Rehberg.

Olympia RegionInzell und Ruhpolding müssen sich den Bedingungen des IOC anpassen und nicht umgekehrt

Christian Hierneis ging auf die zu erwartenden Auswirkungen auf Inzell und Ruhpolding ein. „Wir passen nicht die Olympischen Spiele an unsere Region an, sondern unsere Region wird an Olympia angepasst“, betonte er „und mit der Verabschiedung eines Olympia-Gesetzes und eines Olympia-Schutzgesetzes passen wir auch unsere Rechte wie Haushaltsrecht und Kommunalrecht an Olympia an.“ Die Gerichtsbarkeit der vertraglichen Vereinbarungen läge nicht mehr bei deutschen Gerichten, sondern ausschließlich beim internationalen Sportgerichtshof in Lausanne.
Hierneis, der von Beruf Rechtsfachwirt ist, ging auch näher auf das Bidbook bei der Bewerbung München 2018 ein. Alle Verträge hätten inclusive der technischen Vorgaben insgesamt einen Umfang von mehreren Tausend Seiten gehabt und wurden nicht von allen Unterzeichnern gelesen. Dabei betonte er, dass alle Haftungen schon bei der Bewerbung unterschrieben werden müssten. „Ein Ausstieg ist dann nur noch mit Vertragsstrafen möglich und die Spiele sind dann auch weg!“ betonte er.

Die negativen Auswirkungen vergangener Spiele sind belegbar

Die negativen finanziellen, ökologischen und sozialen Auswirkungen seien an allen bisherigen Austragungsorten belegbar und auch München könne sich den Vorgaben des IOC nicht entziehen. „Diesen Wahnsinn dürfen wir nicht mitmachen“, schloss Hierneis seine Ausführungen.

An die beiden Vorträge schloss sich eine lebhafte Diskussion an. Einige Besucher äußerten ihren Unmut darüber, dass Kommunalpolitiker ohne Kenntnis der Verträge blind abgestimmt hätten und den Verantwortlichen damit einen Freifahrtschein ausgestellt hätten.
Ein Redner wies darauf hin, dass der Markt Garmisch viele Sozialwohnungen verkaufen musste, um eine neue Sprungschanze für die WM finanzieren zu können. Das sei nicht hinnehmbar. Und nun müsse für die Olympiade schon wieder eine neue Schanze gebaut werden.

Die Landtagsabgeordnete Gisela Sengl (Die GRÜNEN) betonte, dass Olympische Spiele auch aus moralischen Gründen abzulehnen seien, denn hier würden junge Sportler und ihre Gesundheit dem Gewinn der Sponsoren und des IOC geopfert werden.

Die Kreisvorsitzende des Bund Naturschutz Beate Rutkowski rief abschließend alle Wahlberechtigten zur Teilnahme am Bürgerentscheid auf. „Die Auswirkungen betreffen alle Bürger des Landkreises, nur wenn das Quorum erreicht wird, ist das Ergebnis rechtlich hieb- und stichfest!“ Denn gehen weniger als zehn Prozent der Wahlberechtigten zum Bürgerentscheid, dann würden bereits am darauffolgenden Montag alle Kreisräte beziehungsweise der Münchner Stadtrat die Entscheidung übernehmen.

PM Bund Naturschutz Traunstein

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Datum: Donnerstag, 31. Oktober 2013 23:10
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Ein Kommentar

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    Risikopapier Olympiakonzept

    Das offizielle Bewerbungskonzept für die Winterolympiade liest sich wie der Reklameprospekt einer Bank für Risikopapiere. Der Anleger, in diesem Fall der Bürger, soll sich dafür entscheiden und beim Bürgerentscheid am 10.November mit JA stimmen. Der große Unterschied zur Unterzeichnung von Risikopapieren und der Olympiabewerbung besteht darin, dass weder der Bürger noch ein Politiker zur Verantwortung gezogen wird und nicht haften muss für die finanziellen Folgen und den enormen Schuldenberg, sondern allein der anonyme Steuerzahler in Gemeinden, Landkreisen und Städten.
    Das Risiko, auf einem Berg von Schulden und Naturzerstörung sitzen zu bleiben, wollten unsere Schweizer Nachbarn in Graubünden nicht eingehen und lehnten in einem Volksentscheid die Bewerbung ab. Sicher eine kluge Entscheidung, denn die Schweizer kennen sich in Geldgeschäften bestens aus und kennen den IOC sehr genau und wissen, dass der IOC mit seinem Sitz im Schweizer Lausanne keine Steuern zahlen muss. Im Gegenteil, mit jeder Veranstaltung wird der IOC immer reicher.
    Für die Behinderten ist es eine Ohrfeige, wenn ihnen versichert wird, dass durch die Olympiade die Bahnhöfe in der Region endlich barrierefrei würden, wie CSU-Landtagsabgeordneter Klaus Steiner bei einer VDK-Veranstaltung erklärte. Die Bahnhöfe müssten schon heute barrierefrei sein, wenn die Politiker Menschen mit Behinderung als gleichwertig betrachten würden und nicht erst 2022!
    Bevor man also zum Volksentscheid am 10. November geht, sollte man das damit verbundene Risiko berücksichtigen, also sich vorher verantwortungsbewusst über die Vor- und Nachteile informieren. Dank Internet kann man sämtliche Risiken unter dem Stichwort NOLYMPIA nachlesen. Noch ist Zeit dazu! Ich habe es getan und jetzt stimme ich gegen die Bewerbung.

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