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Breitwasser statt Hochwasser – Die Naturflussvariante für die untere Salzach hat erhebliche Vorteile

Salzachverlauf von Salzburg aus um 1829  Josef Rosenegger

Salzachverlauf von Salzburg aus, um 1829 Josef Rosenegger

Der Wunsch die untere Salzach zwischen Surheim und Burghausen energetisch zu nutzen bekam durch das jüngste Hochwasser einen großen Dämpfer. Die Reihenfolge ist jetzt eine ganz andere, wie in der Salzburger Landeskorrespondenz vom Juli zu lesen ist:
Saalach und Salzach haben beim jüngsten Hochwasser im Juni auf beiden Seiten der Grenze zu massiven Schäden sowie zu starken Beeinträchtigungen des öffentlichen Nahverkehrs (Bus/Bahn) und des motorisierten Individualverkehrs geführt.
Für den Fluss- und Lebensraum Salzach verständigten sich die Salzburger und Bayerischen Spitzenvertreter/innen auf eine Reihung der Prioritäten:  Eine mögliche energiewirtschaftliche Nutzung kommt erst dann in Betracht, wenn die grundsätzlichen Voraussetzungen – Sohlstabilisierung, Hochwasserschutz und ökologische Verträglichkeit inklusive Natura2000-Auflagen – in Einklang gebracht worden sind.

Auf die Frage, wie man mit der Sohlevertiefung und dem Hochwasser der Salzach umgeht haben die österreichischen und deutschen Naturschutzverbände jetzt eine 20 000 Euro Expertise erarbeiten lassen, die zu dem Schluss kommt, dass die Naturflussvariante nicht nur die günstigste Lösung darstellt, sondern auch dem natürlichen Verlauf der Salzach am weitesten entgegen kommt.

Naturflussvariante ohne Kraftwerke für die gesamte untere Salzach fordert eine grenzüberschreitende Machbarkeitsstudie

Salzburg / Rupertiwinkel. So wie 1817 wird die Salzach wohl nie wieder aussehen. Aber sie soll sich in eine solche Richtung entwickeln: breit mäandern, mit Seitenarmen, Inseln, Kiesbänken und Nebengewässern. Das jedenfalls wünschen sich die Naturschützer beiderseits des Flusses, denn profitieren würden davon Mensch und Natur. Die bayerischen und österreichischen Naturschutzverbände haben in Salzburg eine Machbarkeitsstudie zur sogenannten Naturflussvariante für das Freilassinger Becken präsentiert. Ohne künstliche Bauwerke soll sich die Flusssohle stabilisieren und es soll Retentionsraum entstehen für künftige Hochwasser.

neue Sohlschwelle bei Triebenbach - Achtung Lebensgefahr! Nur für Geübte! (c)gradraus.de

Neue Sohlschwelle bei Triebenbach – Achtung Lebensgefahr! Nur für Geübte! (c)gradraus.de

Bisherige Maßnahmen bekämpfen nur die Symptome, nicht die Ursachen

Das was bisher an der Salzach gemacht wurde und noch geplant ist, bekämpfe die Symptome, nicht die Ursachen, meint Diplom-Ingenieur Stefan Sattler. Der Wasserbaufachmann der Wiener Firma Hydrophil iC hat nach dem Tittmoninger Becken nun auch das Freilassinger Becken unter die Lupe genommen. Sein Fazit ist eindeutig: Zur notwendigen Flusssanierung sind keine weiteren Querbauwerke notwendig und eine Kraftwerksnutzung würde sich negativ auf den Hochwasserschutz auswirken. Eine Naturflussvariante würde weniger landwirtschaftliche Flächen beeinträchtigen als die derzeitige Planung, die neben der schon gebauten Rampe bei Triebenbach auch auf Höhe Surheim eine Sohlrampe vorsieht. Die, so meint Sattler, würde die Geschiebebilanz flussabwärts sogar verschlechtern. Stattdessen soll hier ein Nebenarm geschaffen, die Surmündung erweitert und der Mittergraben angebunden werden.
Allerdings legt Sattler Wert auf die Feststellung, dass mit dem Projekt kein Landschafts-Design geschieht. Mit „Initial-Maßnahmen“ sollen bestehende Strukturen in der Au angebunden werden und die Salzach sich selbstständig in den Zustand entwickeln, der ihr entspricht. Dafür rechnet der Wasserbauer mit mindestens 50 Jahren. „Ein Hochwasserschutz-Bauwerk soll soweit zurück liegen wie möglich“, wünscht sich Sattler, „und der Fluss sich soweit entwickeln wie ich ihn lasse.“
Anders als auf österreichischer Seite wären in Bayern von einer Flussaufweitung viele Auwaldbesitzer betroffen; allein zum laufenden Planfeststellungsverfahren, das aufgrund der aktuellen Kraftwerksdiskussion derzeit de facto ruht, gab es hier über 80 Einwendungen. „Es geht nichts verloren“, meint Sattler dazu, „es wird nur umgewandelt“. Und nicht jeder Wald am Fluss sei Auwald, verweist er auf Fichten- und Christbaumplantagen; die klassische Weich- und Hartholzaue sei das Ziel. Erich Prechtl, Vertreter des Bund Naturschutz in Bayern, verweist darauf, dass auf bayerischer Seite bereits ein Streifen von 40 bis 50 Meter am Fluss dem Freistaat gehören und also schon zur Verfügung stünden.

Salzach Entwicklungsstufen der Rückführung in einen natürlichen Flussverlauf

Salzach Entwicklungsstufen der Rückführung in einen natürlichen Flussverlauf

Schuld an der Sohle-Eintiefung seien die Querbauten der Kraftwerke

Prechtl erinnert daran, dass die Kraftwerke im Oberlauf für das Problem der Eintiefung verantwortlich seien, denn sie würden das notwendige Geschiebe zurückhalten. „So mancher bei uns will dieses Problem nun mit weiteren Kraftwerken bekämpfen“, kommentiert er kopfschüttelnd.
„Nach dem aktuellen Hochwasser hat es unisono geheißen: Die Flüsse brauchen mehr Raum“, erinnert Dr. Christine Margraf, „es wäre absurd, es hier abzulehnen.“ Mit dieser Studie sei man nun zeitlich genau richtig reingestoßen, freut sich die Sprecherin vom Bund Naturschutz in Bayern. Die Unterlagen habe man nun an Behörden und an die Vertreter der Politik gesandt.

Naturschutz ist gleichzeitig Menschenschutz

Vor den Wahlen werde nichts mehr passieren, ist Erich Prechtl überzeugt, denn auch in Österreich wird im September ein neuer Nationalrat gewählt. Er hofft, dass sich im kommenden Frühjahr etwas bewegt. Und sollte das nicht im Sinne der Naturschutzes sein, der hier gleichzeitig Menschenschutz sei, so wolle man sich an Brüssel wenden.

Salzachsanierung ZeichnungVorbild sind Renaturierungsprojekte an der Drau

Aufgrund seiner Erfahrung mir anderen Rentaturierungsprojekten etwa an der Drau, ein von der EU ausgezeichnetes Projekt aus Sattlers Büro, rechnet der Fachmann mit Kosten von rund einer Million Euro pro Kilometer; mehr, wenn man die Sohle aktiv anheben würde. „Mit insgesamt etwa 90 Millionen Euro wäre im Tittmoninger und im Freilassinger Becken alles möglich“, ist Stefan Sattler überzeugt. Solche Naturschutzprojekte würden bis zu 50 Prozent von der EU gefördert.
Auftraggeber dieser 20.000 Euro teuren Studie waren der Bund Naturschutz in Bayern und der Naturschutzbund Salzburg. Unterstützt wird das Ganze vom Landesbund für Vogelschutz, vom Fischereiverband Bayern, vom World Wildlife Fond, von der Oberösterreichischen und Salzburger Landesumweltanwaltschaft und von der Stadt Salzburg, die an einem Naturpark Salzach zwischen der Landeshauptstadt und der Stadt Oberndorf Interesse hat.

Hannes Höfer

INFO: Salzach – Freilassinger Becken POSTER >>>

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Datum: Samstag, 21. September 2013 0:11
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